Kultur : Ohr an Zunge

Über das Problem, Filme simultan zu übersetzen

-

Catherine Gay

BERLINALE–DOLMETSCHERIN

Schon seit 12 Jahren dolmetsche ich Filme auf der Berlinale, auch Pressekonferenzen und Diskussionen. Während die Filme laufen, sitze ich im fünften Stock des Berlinale-Palasts in einer Dolmetscherkabine. Ich bin gebürtige Französin und übersetze die Filme ins Französische. Die Zuschauer, die weder die Originalsprache eines Films noch die englischen oder deutschen Untertitel beherrschen, können dann per Kopfhörer meine Live-Verdolmetschung mithören.

Die Arbeit ist kompliziert, weil ich die Filme vorher nicht gesehen habe. Ich bekomme zwar Dialoglisten, aber ich habe keine Vorstellung davon, welcher Schauspieler an welcher Stelle im Film was sagt. Oft ist es eine Hilfe, wenn man sich in der Kultur der Länder auskennt, aus denen die Filme kommen. Denn Bilder und Musik erklären sehr viel. Manchmal müssen wir auch Filme dolmetschen, deren Sprache wir nicht beherrschen und übersetzen dann die Untertitel, die wir hier oben im fünften Stock nicht gut lesen können. Das ist sehr ungewohnt, denn normalerweise arbeiten wir nur mit den Ohren und übertragen simultan in Sprache, was wir hören.

Manche Filme sind ziemlich obskur und dann gibt es Dialoge, die aus fünfzig Prozent Schimpfwörtern bestehen. Ich habe als Kind gelernt, dass man keine Schimpfwörter sagt. Und manchmal sind es richtig heftige Schimpfwörter, die ich ins Mikro sprechen muss. Ich bin keine Schauspielerin, aber es ist wichtig, auf der Wellenlänge der Filmfiguren zu sein. Wenn es viele Darsteller gibt, ist das emotional aufreibend. Am Ende eines Films bin ich oft richtig ausgepustet. Eine harte Nuss auf dieser Berlinale war der Film von Robert Altman, „A Prairie Home Companion“. Dort wird viel gesungen und das musste ich auch übersetzen. Alles, was Sinn bringt, muss gedolmetscht werden: Gedichte, Lieder, Scherze. Am schwierigsten ist es, Witze spontan rüberzubringen. Manchmal muss ich mitlachen. Und manchmal weine ich auch.

Während der Berlinale dolmetsche ich auch auf den Pressekonferenzen. Da muss es immer schnell gehen, zack, zack, zack. Bei Diskussionen bin ich mit den Filmemachern auf dem Podium. Manche sind nervös, und ich versuche, ihnen die Nervosität zu nehmen und spreche vorher mit ihnen. Man stürzt auf der Berlinale in eine Welt aus Bildern. Doch beim Dolmetschen muss ich mich auf die Sprache konzentrieren. Denn so wie ein Film durch den Projektor gleitet, so soll auch meine Übersetzung fließen.

Aufgeschrieben von Philipp Lichterbeck

0 Kommentare

Neuester Kommentar