Kultur : Oklahoma-Attentäter: Der goldene Schuss

Um einen Monat verschoben wurde die Hinrichtung des Oklahoma-Attentäters McVeigh, den amerikanische Medien gern einen homegrown terrorist nennen. Aber den "Tod live" werden Amerikas Fernsehzuschauer auch dann nicht wollen. Man hat sie befragt, und die meisten wandten sich mit Ekel ab. In den Vereinigten Staaten hat der Website-Betreiber Entertainment Network unlängst darauf verzichtet, vor Gericht zu erzwingen, dass die letzten Lebensminuten des Timothy McVeigh im Internet gezeigt werden dürfen.

Das große entertainment network der Zuschauer, die globale community aller, die Unterhaltung suchen, ist raffinierter bei den Strategien der Lustgewinnung, als die Website-Betreiber annahmen. Der thrill am Spektakel Hinrichtung entsteht nicht durch das direkte Präsentieren des Realen, sondern durch eine phantagmatische Verschiebung. Die über tausend Fernsehkameras akkreditierter Teams, die sowohl vom modernen Schafott als auch am damaligen Tatort in Oklamoma City berichten werden, wo McVeighs Bombe 168 Menschen das Leben kostete, werden der Weltöffentlichkeit auch in einem Monat etwas Faszinierenderes bieten, als Bilder vom Ansetzen einer letalen Spritze, vom "goldenen Schuss" selbst.

Der thrill, den die postmodernen Zuschauer wünschen, ist eine Partizipation am Werk der Exekutive - an der Exekution im wahren Wortsinn -, ohne sich dabei der Mittäterschaft als Voyeure schuldig zu machen. Während die Exekution selbst nicht gesehen werden wird, sondern nur die schaurigen Begleitszenen und sprechende Angehörige der Opfer, entstehen Bilder im Kopf. Sie bleiben Fantasie - individuelle Fantasie, die als kollektive wahrgenommen wird. Wie die Gefängniswärter in jenem großen Panoptikum, das Michel Foucault in "Überwachen und Strafen" in der modernen Haftanstalt ausmachte, darf die Weltgemeinschaft dann am Strafvollzug teilnehmen. Nur, Foucaults Panoptikum, das allseits einzusehende Gebäude des Strafvollzugs, setzte gerade voraus, dass die öffentliche Hinrichtung obsolet wurde: um der Überwachung zu weichen.

In der Perversion, die Bilder vom Tag X des Mister McVeigh auszustrahlen, wird nicht allein das Panoptikum aufgehoben sein. Sie wird auch dem derzeitigen Zustand der USA angemessen sein. Denn der Vorgänger des Panoptikums, die Hinrichtung, scheint wieder auf - als virtuelle Variante. Das Spektakel vom goldenen Schuss im Fernsehen und im Internet gibt Auskunft über eine monströse Kooperation dreier großer Agenten. Es war ja der Attentäter selbst, der verlangt hatte, dass das Auslöschen seiner Existenz auf die Bildschirme kommt. Seiner pathologischen Sucht nach Aufmerksamkeit entspricht auf der anderen Seite der pathologische Wunsch nach Exzessen in der Fernsehgesellschaft, dem zweiten Agenten. Als Dritter im Bunde kommt die Medienindustrie in den Genuss eines profitträchtigen Events. Keine Kosten entstehen, man muss nur hingehen, filmen und fragen. Kurz gesagt: Produkt, Konsumenten und Vertreiber haben miteinander ausgehandelt, wie weit sie gehen wollen. Eine passendere Großinszenierung der Gegenwart lässt sich kaum denken. Dass die Justiz und die Frage nach der Todesstrafe dabei, zumal nach den Fehlern, die das FBI jetzt zugibt, zu einer Farce im Hintergrund schrumpft, muss nicht erwähnt werden. Oder doch?

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