Kultur : Oktagon Dresden: Unter der Zitronenpresse

Peter Herbstreuth

Kurz bevor er starb, gründete Karl Schmidt-Rottluff 1975 eine Stiftung, stattete sie mit drei Millionen Mark aus und widmete sie jungen Künstlern, um seinen eigenen Erfolg "in den Fluss künstlerischen Schaffens einzugliedern". Das Karl Schmidt-Rottluff Stipendium wird seitdem jährlich vergeben: Lothar Baumgarten, Stephan Balkenhol, Thomas Demand waren ebenso Stipendiaten wie Eberhard Havekost, Gunda Förster, Sabine Hornig. Es ist zu einer herausragenden Auszeichnung geworden. Preisträger bekommen innerhalb von zwei Jahren etwa 70 000 Mark und erhöhte Aufmerksamkeit im Kunstgeschehen. Als Ehemalige entscheiden sie über neue Stipendiaten mit, nehmen an deren Ausstellungen teil. Das stärkt die Kontinuität im Sinne des Stifters.

Ihr 25jähriges Bestehen feiert die Institution nun im frisch renovierten Oktogon der Dresdener Hochschule der Künste, über deren Dach sich die goldene "Zitronenpresse" über den Brühlschen Terrassen erhebt. Der Ausstellungssaal, nach über 50-jähriger Pause wieder aktiviert, soll künftig als Schaufenster der Hochschule dienen. Die an den Hauptsaal grenzenden Räume in dem Barockbau stellen hohe Anforderungen an die Präsentation der Werke: Pentagone, Loggien, Apside kommen im Raumkanon heutiger Künstler kaum vor. Dem mussten sich die Stipendiaten stellen. Thomas Zitzwitz aus Köln lässt in einem ovalen Vestibül Gerüche verströmen, setzt den Raum mit Klängen in Schwingung. Gunda Förster aus Berlin instrumentierte in einer Loggia mit Doppelapside in pompejanischem Rot eine Licht &Ton-Attacke, verwandelt die Scheinwerfer durch die Explosion von 30 000 Watt in Lichtkanonen. Der Aggressionsgrad ist hoch. Dagegen beschreiben politisch orientierte Werke von Thomas Demand und Thomas Eller sachlich visuelle Signale.

Die neue Ausstellungsadresse hat sich sofort ins Netz anderer Häuser gestellt. Anschließend wandern die Stipendiaten nach Düsseldorf. Dann steigt in Dresden das Rückspiel "dynamo-eintracht" der Kuratoren Konstantin Adamopoulos und Jan Winkelmann mit ehemaligen und aktuellen Studenten der Frankfurter Städelschule und der Dresdner Akademie. Mit dem Oktogon hat die Hochschule ihren Schauplatz neben dem Albertinum wieder gewonnen. Keine Akademie in Deutschland hat ein solch großes Schauhaus in Toplage. Man wird sehen, was sie daraus macht.

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