Kultur : Olaf Bär singt Bach: Klare Kost

Christine Lemke-Matwey

Es gibt auch noch beruhigende Dinge im Leben. Musik machen zum Beispiel, Musizieren. Denn das ist nicht nur eine Frage des Stils, der Transzendenz oder ähnlich komplizierter Überbauten. Wenn die Akademie für Alte Musik Berlin ihre Instrumente im Kleinen Saal des Konzerthauses immer wieder nachstimmen muss, wenn die hölzerne Verschalung der kleinen Konzertorgel eine Rolle spielt oder die Solo-Oboe zweimal ihren Standort auf dem Podium wechselt - dann weiß man: Musizieren ist auch eine Frage der physischen Präsenz, des praktischen Handanlegens - und des Hinhörens.

In ihrem Bach-Programm zeigte die Akademie einmal mehr, dass sie diese Voraussetzung als Chance begreift. Im Bereich der Alten Musik gibt es wohl Klangkörper, die perfekter und präziser artikulieren - und die rhetorisch eine weitaus unerbittlichere, ideologischere Linie fahren. Just die springlebendige Lockerheit der Akademie indes, ihr Mut zum Musikantischen, zu geräuschhaften Verdichtungen und offenen Enden ließ die Welten von Bach-Vater (zwei Kantaten) und dem Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel (zwei sinfoniae) sinnfällig aufeinander prallen: Hier strenge Affekte und Bibelexegese, da neue, klassische Empfindsamkeit.

Sowohl in der berühmten "Kreuzstabs"-Kantate als auch in "Ich habe genug" (BWV 82) übernahm Olaf Bär den Gesangspart, den das Programmheft - reichlich verwegen - als "Bass" auswieß. Bärs Stimme mag keine profunde Tiefe kennen und in den oberen Registern nicht allzu viele Farben: Sein Engagement, sein Wissen um den religiösen Gehalt dieser Musik machte vieles vergessen. Es gibt auch noch beruhigende Dinge im Leben.

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