Kultur : Olafur Eliasson

Ulrich Clewing

16 000 Jahre dauert es, bis ein Stück Eis vom Zentrum an den Rand des Gletschers Vatnajökull gewandert ist. Dann ereignet sich ein grandioses Schauspiel: Unter ohrenbetäubendem Lärm bricht der vordere Teil der Gletscherzunge ab und stürzt vor der Südküste Islands ins Meer, in den so genannten Jökulsárlón. Verglichen mit den riesigen Brocken, die dort im Wasser schwimmen, sind die Eisblöcke, die Olafur Eliasson in die Galerie neugerriemschneider transportieren ließ, so groß wie Kieselsteine (Linienstraße 155, bis 22. April, Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr, Preis auf Anfrage). Zusammen wiegen sie immer noch sechs Tonnen, und wie sie da so im Schauraum stehen, haben sie beste Chancen, zur ultimativen Einzelausstellung des Berliner Kunstjahres 2006 zu werden.

Eliasson hat in der Vergangenheit schon oft bewiesen, dass er ein Meister ist im Kreieren von auratischen Situationen mit einfachsten Mitteln – obgleich sich die Formulierung angesichts des immensen Aufwandes in dem Zusammenhang eigentlich verbietet. Hier ist es ihm gelungen, das Ganze bis zur einsamen Spitze zu treiben. Zur Versuchsanordnung von „Your waste of time“ gehört, die Temperatur im Galerieraum mit Hilfe eines Kühlaggregats auf frostige sechs Grad minus zu dimmen. Ergibt für das Eis in der Summe eine Daseinsdauer von 16 000 Jahren plus einen Monat, um den sie künstlich verlängert wird. Danach endet die Ausstellung – das ewige Eis schmilzt. Was für eine vermessene Idee. Atemberaubend, kühn und einfach unglaublich, wären da nicht diese kleinen Eisgebirge, die als stumme Zeugen ihrer Vergänglichkeit eine Präsenz beanspruchen, die man so schnell nicht mehr vergisst.

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