• Ole Reuter, der Reisende von 1976, ist erneut unterwegs - in einer neuen Republik, unter neuen Voraussetzungen

Kultur : Ole Reuter, der Reisende von 1976, ist erneut unterwegs - in einer neuen Republik, unter neuen Voraussetzungen

Katrin Hillgruber

Die Idee überzeugte durch ihre Unbefangenheit: Ein junger Mann, Studienreferendar, sich seiner selbst und seines Berufswegs noch nicht ganz sicher, bereiste mit einer Netzkarte kreuz und quer die schmale Bundesrepublik des Jahres 1976. Regeln gab es für ihn nicht, außer der selbstgesetzten, jeweils den Zug zu nehmen, der als nächster den Bahnhof verläßt. Von Urach über Wanne-Eickel bis Jerxheim geriet der ziellose Neunundzwanzigjährige. Vor lauter Absichtslosigkeit fiel ihm in Köln die Liebe zu, in Gestalt der 17-jährigen Schülerin Judith.

Ach, Ole. Wie gerne hätte man die Romanfigur Ole Reuter in der Konsistenz des Tagträumers im Gedächtnis bewahrt - reisend, flirtend, beobachtend. Sten Nadolnys Debüt "Netzkarte" von 1981 gelang in seinen besten Passagen eine Poesie der Unverbindlichkeit. Es lebte von der Außenperspektive des Unbeteiligten, auch wenn das Unternehmen als "Genesungsreise" angelegt, also nicht völlig zweckfrei war. Doch Nadolny wollte es nicht bei dem offenen Schluss von damals belassen, er hat Ole Reuter wiederbelebt: "Am 6. August 1996 stellte ein großer, schwerer, vor Anstrengung schwitzender Mann im S-Bahnhof Halensee zwei Koffer auf den Bahnsteig." Ole Reuter ist erneut unterwegs - müde, schwerfällig, verdrossen. Er hat als Unternehmensberater Karriere gemacht, sieben Operationen und eine Steuerprüfung hinter sich gebracht, Judith geheiratet, eine Tochter bekommen und wieder verloren. Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod, außerdem weiß er nicht, ob er sich bei einer Eskapade mit Aids angesteckt hat. Vier Wochen muss er auf das Ergebnis des Bluttests warten, also kauft er sich für vier Wochen eine Netzkarte - erster Klasse, denn er gehört längst zu denen, "die es sich etwas kosten lassen, ungestört zu bleiben".

Dieser neue alte Ole, man ahnt es, ist zu sehr mit sich selbst und seinen beginnenden Altersgebresten beschäftigt, auch zu sehr geformt (deformiert?), um noch halbwegs unbefangen beobachten zu können. Nur noch reflexhaft kommt die frühere anmutige Leichtigkeit auf, die Freude am Gespräch mit Zufallsbekanntschaften. Er geht in sich, um zu erforschen, ob er noch die "alte Zärtlichkeit für Land und Leute" hegt. Manchmal gelingt ihm das, dann bricht wieder der Grantler durch: "Nein, ich habe keine Zärtlichkeit mehr für das Land, zu sehr trägt es die Spuren seiner Bewohner, und die sind mir widerwärtig. Fast jeder hat vor dem Drängeln und Belehren aller anderen Angst, ständig fühlt sich jemand von irgend etwas verletzt, jeder wirft dem anderen Verklemmtheit vor, und die besonders unerfreulichen Exemplare überziehen jeden Fleischer- oder Gemüseladen aus nichtigstem Anlaß mit Eskalation." Er selbst schimpft am lautesten. Aus dem Ironiker wurde ein Zyniker. Das Missvergnügen Reuters an sich und der Welt hat sich auf den Roman niedergeschlagen. Viele Passagen lesen sich, als wären dem Autor während des Schreibens Zweifel gekommen, als wäre er Oles so überdrüssig geworden, dass er ihn mit Suizidversuchen und Gedächtnisverlust straft und am Ende ganz verschwinden lässt.

Sten Nadolny zählt seit seinem großen Romanerfolg "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1983) zu den viel- und gerngelesenen Autoren hierzulande. "Er oder Ich" hat eine Startauflage von 75.000 Exemplaren, die Erwartungen an das Buch lagen hoch, offenbar zu hoch. Denn Ole redivivus überzeugt nicht. Sicher, auch die Leser der "Netzkarte" sind älter geworden, aber das rechtfertigt nicht die bräsige Selbstgefälligkeit, mit der sich der erfolgreiche Strategieberater ausbreitet. (Nadolny parodiert das um sich selbst kreisende Null-Gerede der Manager sowie neudeutsche Sprechweisen, etwa "kein Thema" als Antwort auf "danke".) Die Saturiertheit dieses Fünfzigjährigen hat einen bitteren Beigeschmack.

Der Titel "Er oder Ich" bezieht sich auf die doppelte Perspektive, aus der Ole Reuters Irrfahrt zu sich selbst geschildert wird. Diese Technik hat Nadolny konsequenterweise aus "Netzkarte" übernommen. Die Ich-Form produziere Peinlichkeiten, räsoniert der Tagebuchschreiber Reuter, sie neige dazu, Mitleid zu erpressen. Also wechselt er von Zeit zu Zeit in die Er-Form, die auktoriale Gelassenheit verspricht. Zusätzlich meldet sich ein Schutzengel zu Wort, der wohl nur im Kopf des Protagonisten herumflattert. Wo ein Engel ist, darf in einem konventionellen Roman der Teufel nicht fehlen. Und siehe da, Reuter trifft ihn im Speisewagen zwischen Cottbus und Frankfurt an der Oder. Von faustischem Streben beseelt, schließt er einen Pakt mit ihm, darin ebenfalls ein sehr deutscher Held. Denn er will frei sein, vor allem frei von Liebe. Der Leibhaftige kann sich auch "Baron de la Vision" nennen und in Dresden auf Rollerskates einlaufen - der Roman kennt keine Scheu vor Banalem, allerdings eingestreut in eigenwillige Betrachtungen über Ostdeutschland. Hier betreten Autor und Figur tatsächlich Neuland.

Ole Reuter ist sich selbst schwer geworden. Er reist mit Pistole, Computer und Pilotenkoffer. Die Utensilien des Wohlstands verstellen ihm den Blick. Einmal, frühmorgens am Ufer der Emscher sitzend, erinnert er sich eines anderen Vagabunden, Michael Holzach. Er schrieb das Buch "Deutschland umsonst" und ertrank in der Emscher, als er seinen Hund aus dem Fluss retten wollte. Solche melancholischen Denkpausen gönnt sich Reuter selten, auch wenn er immer wieder Anläufe unternimmt, das alte Lebensgefühl von "Freiheit plus Jugend" zu beschwören. Doch der nächste ICE wartet schon. Bei manchen Mitreisenden ist man nicht betrübt, wenn sie das Abteil verlassen.Sten Nadolny: Er oder Ich. Roman. Piper Verlag, München 1999. 264 Seiten, 38 Mark.

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