Olga Martynova : Ach, du grause Zeit

Deutsch-russische Spielereien: Olga Martynova und ihr Roman "Sogar Papageien überleben uns".

Jochen Jung

Der einzige seinem Prinzip nach richtige Roman ist der von mir. Aber er ist schlecht geschrieben.“ Dies sind die beiden letzten Sätze dieses ersten Romans von Olga Martynova, und raffinierterweise zitieren sie einen Autor namens Alexander Wwedenskij, der zusammen mit Daniil Charms der literarischen Gruppierung der Oberiuten gehörte. Über Wwedenskijs eigenen Roman erfährt man ein paar Seiten zuvor, dass er leider verschollen, aber nichts weniger als genial gewesen sei. Der Kritiker, in der Regel dankbar für solche Flanken, wird den Teufel tun, diesen Ball umzudrehen und Olga Martynova ins verdiente Tor zu schicken. So rasch ist das Kompliment nicht zu haben, auch nicht, wenn es wohlverdient ist.

Der Kritiker wird nicht einmal darüber rechten, ob das, was er da mit diesen beiden Sätzen gerade zu Ende gelesen hat, überhaupt ein Roman ist. Dafür ist er, wie alle vernünftigen Leser, viel zu froh, dass das 20. Jahrhundert aus dem Romanroman eine offene Prosaform entstehen ließ, und sei es auch als Nebentrieb, von der wir nur verlangen, dass sie wenigstens, sagen wir mal: hundert Seiten stark ist und sich nicht reimt.

Eigentlich ist dieses Buch eine leicht verschattete Komödie über die Zeit, woran nicht zuletzt drei Zeilen Jahreszahlen über jedem Kapitel erinnern, die vom 5. Jahrhundert vor Christus bis ins Jahr 2006 reichen, wobei jeweils fett jene Daten gedruckt sind, die im folgenden Kapitel vorkommen. Gewiss ist das mehr Spielerei als Information, aber es passt zur Komödie wie die Hauptfigur Marina, die sich gerne ernst gibt und uns versichert: „Ich habe Angst vor den Geheimnissen der Zeit.“ Aber wir sagen, ach was, Marina, das haben wir doch alle, und du hast höchstens Angst, von uns nicht ernst genug genommen zu werden.

Wovon schon deshalb keine Rede sein könnte, weil sie so eine schöne lange Liebesgeschichte mit Andreas hat. Über zwanzig Jahre, in denen beide geheiratet haben (aber andere), dauert sie schon an, was natürlich mehr oder weniger schiefging, damit die Liebe der beiden weitergehen kann. Marina jedenfalls ist eine russische Germanistin aus St. Petersburg, und sie kommt jetzt nach Deutschland zu einem Kongress über Charms und seine literarischen Freunde, die Oberiuten. Andreas wiederum ist aus Deutschland und damals studienhalber nach St. Petersburg alias Leningrad gekommen, als das mit den beiden anfing.

Auch Russland spielt hier eine tragende Rolle, und zwar das Russland an sich wie das Russland damals und das Russland vor der Revolution, aber auch Freunde wie etwa Fjodor, der schöne und schön durchnummerierte Strophen schreiben kann, fast so schön wie Charms. Die Hauptrolle aber hat die katastrophische und katzenjammernde Zeit, und weil man sich bei ihr ja nicht einmal darauf verlassen kann, dass sie vergeht, weil sie ständig wieder auftaucht, kommt es unter den Ost-West-Pendlern, die diese Künstler und Wissenschaftler hier alle sind, zu manchem emotionalen Hin und Her. Auch eine Sorte Wiedergänger spielt mit, der Schneemensch oder der unverwesliche Lama, den man dreimal wieder ausgraben muss, und nicht zuletzt der in seinem Mausoleum am Roten Platz. Alle übrigen rafft es früh dahin, getreu dem Titel „Sogar Papageien überleben uns“.

Dies sei ein Zitat von Joseph Roth, wird im Buch in der Berliner „Joseph-Roth-Diele“ gesagt, und es erfüllt sich wie eine Prophezeiung, wenn es einmal, auf die traumatische Belagerung der Deutschen anspielend, heißt: „Der Vogel des Schreckens, ein grauer Papagei, flog über das dunkle Leningrad.“ Diese Belagerung ist der düstere Referenzpunkt der Geschichte, weitaus mehr als die Oktoberrevolution.

Privates mag auch eingestreut sein in diese von einer Russin in feinstem Deutsch geschriebene Geschichte von einer jungen Frau, ein paar nicht mehr ganz so jungen Männern und dem alten Russland, das nie lange das bleiben durfte, was es war, und hoffentlich nicht lange bleiben wird, was es jetzt ist. Und wenn sich hier schon der Kritiker kurz einmischt, will er nun doch auch sagen, dass dieses Buch ein Vergnügen ist: „Der Stoff des Gartens war leicht und schwer, von Licht (leicht) und Farben (schwer).“ So heißt es einmal, und so könnte man es vom ganzen Buch sagen, wobei das Leichte entschieden überwiegt.

Wir haben in Olga Martynova eine Autorin, die sich nicht vorschnell dingfest machen lässt, gelegentlich zwischen Absurdistan und scheinbar bieder vorgebrachten Realien wie ein Ariel sich hin und her bewegt und in den angenehm kurzen Kapiteln ihres Romans doch nicht die Zauberfäden verliert.

Nicht ganz so leicht machen es dem Leser die im letzten Jahr im Heidelberger Wunderhorn Verlag erschienenen Gedichte „In der Zugluft Europas“. Zum einen liegt das vielleicht daran, dass sie auf Russisch geschrieben wurden und von einem halben Dutzend Übersetzern (u.a.der Autorin selbst, alle unterschiedlich in Ton und Fluss) ins Deutsche gebracht wurden. Zum anderen scheint Olga Martynova die Möglichkeiten des Gedichts, auf knappem Raum vielfältig zu operieren, auszuprobieren versucht haben, am Angang selbst ungewiss, was daraus wird. Bilder- und anspielungsreich arbeitet sie, viel hat sie mitgebracht von ihren Reisen nach West und Süd, durch Gärten und durch Bücher. Es versteht sich, dass eine solche Lyrikerin sich in der Prosa die offene Form sucht und dort gleichsam nicht von vorn beginnt.

Wenn es im Titelgedicht am Schluss heißt: „ … In der Zugluft Europas stehend / Hat unsere Erzählung keine Stimme …“, dann irrt die Dichterin hier. Die Stimme: Sie hat sie durchaus.

Olga Martynova: Sogar Papageien überleben uns. Roman. Droschl, Graz 2010. 208 Seiten, 19 €.

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