Kultur : Oliver Schwarzkopf: Wir wollen nie mehr artig sein

Susanne Tenhagen

Verleger Oliver Schwarzkopf liebt Formel 1-Rennen und Boxen. Zum alljährlichen Autorentreffen lässt er eigens Wildbret schießen, das dann - gut abgehangen - verzehrt werden darf. Der 33-jährige Buchmacher strotzt vor Energie. Morgens um sieben sitzt er bereits am Schreibtisch, um 18 Uhr macht er zwei Stunden Pause. Dann malträtiert er sein Laufband, das er in seiner Wohnung, gleich über den Verlagsräumen im Prenzlauer Berg stehen hat. Abends trifft er Freunde, Geschäftspartner, macht sich auf die Suche nach Ideen. Marathon seit 1994.

In diesem Jahr gründete er zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Christian, den Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf. Ein ideales Geschwisterpaar: Der eine war Theaterwissenschaftler und hatte Ideen, der andere war Informatiker und hatte Geld. "Wir haben mit 50 000 Mark angefangen. Nicht ein Pfennig kam von der Bank. Ich hatte 1990 mein Studium abgebrochen und jobbte für ein Stadtmagazin, 16 Stunden am Tag für 500 Mark im Monat", erzählt Oliver Schwarzkopf. Später gründete er einen Ein-Mann-Verlag und gab Krimis und Sachbücher heraus. Wohnung und Büro waren ein Zimmer für 300 Mark Miete. Leider nicht kreditwürdig. Zum Glück hatte der Bruder einen ordentlichen Beruf.

Christian Schwarzkopf war gleich nach der Wende von seiner Firma, einem in Lichtenberg ansässigen Unternehmen für Elektro- und Anlagenbau, für 18 Monate nach Japan geschickt worden. Als er zurückkam, war seine Firma pleite. Schwarzkopf wechselte zu Siemens. Die schickten ihn gleich wieder nach Tokio. Dort ist er bis heute geblieben, inzwischen aufgestiegen zum zweiten Boss einer Tochterfirma, die Bahnanlagen baut. "Ich verstehe nichts vom Bahnbau", sagt Oliver Schwarzkopf, "und mein Bruder pfuscht mir nicht ins Handwerk". Der Ingenieur hatte dem Büchernarr mit seinem Geld den Start ermöglicht. Die Einlage von damals hat er längst zurück, Schwarzkopf und Schwarzkopf schreibt schwarze Zahlen und expandiert.

Drei Millionen Mark setzt der Verlag inzwischen um, die 12 Mitarbeiter werden nach Tarif bezahlt und sitzen alle in der vierten Etage einer ehemaligen Zentrifugenfabrik in der Kastanienallee. Der Eingang zum Verlag ist dunkel und eng. Das niedrige Treppenhaus und die schweren alten Eisengeländer erinnern an einen Bunker. Eine ideale Location für eine Kampfsportschule, die in der zweiten Etage trainiert. Durch ein blaues Eisentor gelangt man in eine Mischung aus Papier- und Bücherlager. Zwischen den Stapeln brummt modernste Computer-Technik. In einer Nische befindet sich eine Küche mit einem riesigen Holztisch. Das ist der Ort, wo aus Ideen Bücher werden. "Wir haben flache Hierarchien und sind schnell. Das ist unser Geheimnis", gibt sich Oliver Schwarzkopf bescheiden. Derzeit sind 200 Titel im Angebot. Das Verlagskonzept folgt einem Drei-Säulen-Modell: Fotobände und Sachbücher, Bücher über die DDR und die neuen Länder, Lexika.

Auf den ersten Blick nimmt sich das Verlagsprogramm wie eine wilde Mischung aus Ostalgie und westlicher Pop- und Retrokultur aus. Das Ost-Rock-Buch "Du hast den Farbfilm vergessen" steht neben Bänden über "Ekel Alfred" und "Colombo". Demnächst wird ein Big-Brother-Buch erscheinen, das das Geheimnis der Reality-Soaps ergründen soll. "Das wird die Kasse ordentlich klingeln lassen", freut sich Schwarzkopf.

Er ist beides: Verleger mit Kalkül und aus Leidenschaft. Denn neben der umsatzträchtigen Titeln veröffentlicht er immer wieder Bücher, die ihm persönlich am Herzen liegen. Zum Beispiel einen Aufsehen erregenden Fotoband über Heiner Müller. "Mein Vater war Dramaturg an der Volksbühne, ohne Heiner Müller in meiner Jugend wäre ich nicht Verleger geworden", sagt Schwarzkopf. In derselben Reihe erschien auch ein Band, der Fotografien aus der DDR-Zeitschrift "Sibylle" versammelt. Der Band ist mehr als ein Modebuch: eine Hommage an die Frauen der DDR. Das ebenfalls von Dorothea Melis herausgegebene Buch über "Die Berlinerin", in diesem Herbst veröffentlicht, ist die Fortsetzung des Erfolgtitels. "Wir wollen immer artig sein" lautet der Titel des Lexikons zur Geschichte des DDR-Punks. Inzwischen wird das Nachschlagewerk auch von Insidern zitiert. Und auf der Kölner Popkomm war ein gerade aufgelegtes Vinyl-Lexikon "der absolute Renner", sagt Schwarzkopf stolz. Um die Kosten klein zu halten, übernachtete der Verleger bei einem Freund auf dem Sofa.

Ein merkwürdig bunter Laden, das Ganze. Das Karl May Figurenlexikon will so gar nicht zu den Bildbänden über "Graffiti-Art" passen. Gysis "Freche Sprüche" neben dem Fanbuch über das dänische Gaunertrio "Die Olsenbande". Doch der Umsatz wächst, neuerdings sogar im Westen. "Unsere Verkaufszahlen im Westen nähern sich denen im Osten. Das ist gut so", verkündet Schwarzkopf, "denn diese spezielle Ostsicht wird es bald nicht mehr geben".

Wie ensteht ein Schwarzkopf-Buch? "Viele Ideen kommen von den Autoren. Ich überlege, ob das Buch zu uns passt, halte mich aber mit meiner Meinung zurück. Im Verlag mache ich dann den Hausfrauentest, bei dem auch männliche Kollegen beteiligt sind." Alle Mitarbeiter werden gefragt, was sie von dem Angebot halten. Auf einer Konferenz wird das Thema dann noch mal besprochen. Es gibt außerdem einen Kreis von Leuten, deren Rat er regelmäßig einholt. "Aber letztendlich treffe ich dann allein die Entscheidung", sagt Schwarzkopf.

Über Weihnachten zieht er sich in die Schweizer Berge zurück, in ein kleines Haus, das einem Freund gehört. Dort will er über Ideen nachdenken, bei denen er sich nicht sicher ist, ob er sie umsetzten soll. Im Gepäck hat er Zeitschriften: Gala, Bunte, Mare, Spiegel, PM, Focus, Brand Eins, Max, Cinema, TV-Spielfilm. "Unser Elternhaus war voller Bücher, trotzdem waren wir in der DDR irgendwie unterversorgt. Deshalb interessiere ich mich jetzt genauso für Klatsch wie für Nachrichten."

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