Oliver Stone : "Ich bin eine gefolterte Seele"

Er gilt als der Geschichtslehrer des US-Kinos, doch er selbst sieht sich als unpolitischen Dramatiker. Zum 60. Geburtstag von Filmregisseur Oliver Stone.

Berlin - Vom Vietnam-Krieg, über tote Rockstars und Präsidenten, bis hin zu den Anschlägen vom 11. September hat der Regisseur seine Sicht auf Meilensteine der amerikanischen Geschichte auf die Leinwand gebracht - und sich damit nicht nur eine Fangemeinde geschaffen. Er werde von seinen Gegnern als "Verschwörungstheoretiker, Angeber, arglistiger Lügner" verunglimpft, klagte Stone kurz vor seinem 60. Geburtstag im Magazin "Empire". Seit seinem Drama "World Trade Center" wird der dreifache Oscar-Preisträger aber selbst von rechten Hardlinern gefeiert.

Als einziges Kind eines erfolgreichen Börsenmaklers genoss Stone eine privilegierte Kindheit in New York City. 1965 brach er mit seinem vorgezeichneten Lebensweg, verließ die Universität Yale und ging als Lehrer nach Vietnam. Zwei Jahre später meldete er sich freiwillig als Soldat. Nach seiner Rückkehr aus dem Vietnam-Krieg begann Stone nach einem Filmstudium zunächst eine Karriere als Drehbuchautor. 1979 erhielt er für das Drogenschmugglerdrama "Midnight Express" seinen ersten Oscar. Weitere Vorlagen zu so unterschiedlichen Filmen wie "Conan, der Barbar" und "Scarface" folgten.

Durchbruch mit "Platoon"

Nach seinem Regiedebüt "Salvador" gelang Stone 1986 der endgültige Durchbruch mit "Platoon", der auf seinen Vietnam-Erfahrungen basierte. Der Anti-Kriegsfilm wurde bei der Oscar-Verleihung als Bester Film geehrt, Stone erhielt für das Drehbuch zum zweiten Mal die wichtigste Auszeichnung der Kinobranche. Seinen bislang letzten Oscar bekam Stone vier Jahre später als Regisseur des Dramas "Geboren am 4. Juli", in dem Tom Cruise einen verstümmelten Vietnam-Veteranen spielt. 1993 schloss der Filmemacher seine Vietnam-Trilogie mit "Heaven and Earth" ab.

Nicht immer ging es bei Stone, zumindest vordergründig, um politische Themen. Der bekennende LSD-Fan setzte in "The Doors" dem charismatischen Sänger Jim Morrison ein Denkmal, inszenierte die gewalttätige Satire "Natural Born Killers", blickte hinter die Kulissen des Football-Geschäfts ("An jedem verdammten Sonntag") sowie der Börse ("Wall Street") und gab 1997 der Newcomerin Jennifer Lopez eine Chance ("U Turn"). "Ich weiß nicht, warum sie in Amerika immer sagen, ich sei politisch", beschwerte sich der dreifache Vater und zweimal geschiedene Stone im "Empire"-Magazin. Eine Klage, die verwundert, auch wenn sich der Regisseur gern falsch verstanden fühlt und den Misserfolg seines Historienstreifens "Alexander" vor allem der darin gezeigten Homosexualität zuschreibt.

Aufschrei der Konservativen

Neben seinem gefilmten Zusammentreffen mit "Commandante" Fidel Castro hat die politische Rechte in den USA vor allem Stones Politdrama "JFK - Tatort Dallas" (1991) erzürnt. In der über dreistündigen Spurensuche lässt Stone seinen Hauptdarsteller Kevin Costner die Einzeltäter-Theorie zur Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy hinterfragen und auf die Spur einer groß angelegten Verschwörung in Regierungskreisen kommen.

Da verwundert der erboste Aufschrei konservativer Kreise kaum, als bekannt wurde, dass Stone einen Spielfilm über die Anschläge vom 11. September 2001 in New York plant. Statt einer politischen Abrechnung mit der Regierung George W. Bushs konzentrierte sich Stone in "World Trade Center" jedoch entgegen aller Befürchtungen - oder Hoffnungen - auf die persönlichen Geschichten einiger Betroffener.

Er sei kein Dokumentarfilmer, sondern Dramatiker, erläuterte Stone jüngst in der "Süddeutschen Zeitung". Die Erklärung seines Werks trifft auch durchaus auf Stones Leben zu. So sagte er dem "Empire"-Magazin: "Ich bin eine gefolterte Seele, keine Frage. Ich wurde so geboren, und ich muss es ausleben." (Von Nina Jerzy, ddp)

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