Kultur : Olsens Bande

Gregor Dotzauer

Seine Familie wählt man nicht, man hat sie, erklärt der Begleittext zu "Små ulykker" (Kleine Unglücksfälle). Wohl wahr. Aber das Maß, in dem man sich ihre Beziehungsgesetze klar macht, entscheidet darüber, als wie schicksalhaft man das empfinden muss. Das Debüt der dänischen Regisseurin Annette K. Olesen besteht aus dem ganz gewöhnliche Gespinst von stillen Vorwürfen, Missverständnissen und wechselseitigen Verpflichtungen, das Familie ausmacht. Die Ereignisse sind einen Fußbreit höher angesiedelt als im wirklichen Leben - Olesens Naturalismus drängt an vielen Stellen auf Entwicklung, wo im Alltag doch eher Stillstand herrscht. Die Verschlingungen befinden sich aber auch unterhalb eines echten dramatischen Knotens - schon weil die einzelnen Stränge in allzu viele verschiedene Richtungen weisen.

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Die Mutter der Olsens ist bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen, und die drei erwachsenen Kinder sowie der Bruder des Witwers versammeln sich mit Anhang in der elterlichen Wohnung. Der Stoff ergibt sich schon aus der unerschöpflichen Überraschung, dass aus einem gemeinsamen Soziotop so verschiedene Temperamente und Typen hervorgehen können: ein erfolgreicher Bauunternehmer, eine verhinderte Malerin, ein Nesthäkchen, das vom elterlichen Rockzipfel nicht loskommt. "Små ulykker" will kein Illusionskino mit übergroßen Affekten sein und kein Kunstkino, wie es noch die populärsten "Dogma"-Filme sind - obwohl auch hier die vorsichtig eingesetzte Handkamera ein Stilmerkmal ist.

Olesen hat mit der "Methode Mike Leigh" gearbeitet. Das soll nicht nur ein Verfahren bezeichnen, in dem die Schauspieler in langen Improvisationen ihre Charaktere erfinden. Es illustriert schon auch, wohin sie will. Dass sie damit weder bei der Gewalt noch bei dem Witz ankommt, die den englischen Filmemacher auszeichnen, ist an sich kein Schaden. Niemand will Kopien, und Vater John (Jørgen Kill), Tochter Marianne (Maria Würgler Rich) oder Sohn Tom (Henrik Prip) sind glänzende Darsteller skandinavischer Prägung. Dänemark ist eben nicht England, Leighs alkoholgeschwängerte Vorstadtluft mit ihren working class heroes ein anderes Klima. Aber die Intensität von Zuneigung und Unbarmherzigkeit fällt deutlich ab. Alle haben liebenswerte Schrullen, keiner eine fragwürdige Rolle.

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