Kultur : Olympia 2002: Die Zeit der Patrioten

Malte Lehming

Der Sprecher auf CNN, ansonsten neutral und sachlich, kann sich einen triumphierenden Kommentar nicht verkneifen. "Amerika hat einen ersten Sieg errungen, noch bevor die Spiele begonnen haben", sagt er. Das ist eine kühne Interpretation. Denn offiziell war in Salt Lake City lediglich ein Kompromiss erzielt worden. Der Streit jedoch, der dort geschlichtet werden musste, hat einen enorm hohen Symbolgehalt. Das Thema rangierte am Mittwochabend in allen großen US-Fernsehsendern an oberster Stelle. Die Sache mit der Fahne bewegt, sie regt auf - und verdrängt alles andere: Die neuesten Entwicklungen im Enron-Skandal oder im Haushalts-Hickhack zwischen Kongress und Präsident wurden nur am Rande erwähnt.

Salt Lake City 2002 Fotostrecke:
Olympische Winterspiele 2002 - erste Impressionen Worum geht es? Das nationale Olympische Komitee der USA hatte ursprünglich geplant, dass die amerikanischen Athleten bei der heutigen Eröffnungsfeier der Winterspiele mit einer ganz besonderen Fahne ins Rice-Eccles-Stadium in Salt Lake City einziehen. Es sollte die so genannte "Ground Zero Flag" sein. Die war am 11. September über den Trümmern des World Trade Centers von drei New Yorker Feuerwehrmännern gehisst worden. Das Bild ging damals um die Welt. Die Geste stand für Trauer und Trotz, Hoffnung und Heldentum. Die Fahne ist ramponiert und hat Löcher. Das macht sie authentisch. Zuletzt war sie am vergangenen Sonntag beim Superbowl in New Orleans gehisst worden.

Doch das Internationale Olympische Komitee hatte Einwände. Es befürchtete eine Politisierung der Parade, an der 2550 Sportler aus 77 Nationen teilnehmen. Die Spiele finden zwar in Amerika statt, aber es sind keine amerikanischen Spiele, hieß es. Dass dieser Einwand so richtig wie berechtigt ist, bewies der Proteststurm, den das Nein des IOC in den USA auslöste. Denn die Gastgeber blieben stur. Also musste neu verhandelt werden. Der Kompromiss, der gefunden wurde, kommt den Amerikanern sehr weit entgegen. Die "Ground Zero Flag" wird nun von einer Ehrengarde, die aus Polizisten, Feuerwehrmännern und US-Athleten besteht, ins Stadium gebracht und beim Ertönen der Nationalhymne gehisst. Allerdings soll die Zeremonie, wie das IOC beflissentlich hinzufügte, nicht exzessiv sein. CNN hatte Recht: Es ist der erste Sieg Amerikas, noch bevor die Spiele begonnen haben.

Wieder einmal war der Patriotismus stärker als die olympische Idee des Universalismus und der Völkerverständigung. Deshalb sah sich am Donnerstag die "New York Times" bereits zu einem mahnenden Kommentar veranlasst. Die Zeitung warnte vor der Versuchung, die Winterspiele von Salt Lake City zu amerikanisieren und schloss mit dem Satz: "Wir sollten niemanden an unserer Großzügigkeit und Gastfreundschaft zweifeln lassen."

Bedrohlicher Nationalismus

Erinnerungen werden wach. An die Olympischen Sommerspiele von Los Angeles zum Beispiel. Das war 1984, mitten im Kalten Krieg. Vier Jahre zuvor hatten die Amerikaner die Moskauer Spiele wegen der sowjetischen Besetzung Afghanistans boykottiert, als Revanche blieben diesmal die Staaten des Ostblocks fern. Das wurde trotzig mit einem blau-weiß-roten Fahnenmeer erwidert, die zum Teil wütenden "U-S-A"-Rufe übertönten jede andere Sympathiebezeugung. IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch protestierte später beim Fernsehsender ABC gegen die allzu amerikazentrierte Art der Berichterstattung. Andere IOC-Mitglieder verglichen den US-Nationalismus bei den Eröffnungsfeierlichkeiten mit Adolf Hitlers Inszenierung der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin.

Für Nicht-Amerikaner hat der amerikanische Patriotismus oft etwas Bedrohliches. Selbst die 26. Olympiade in Atlanta blieb vielen Zuschauern vor allem wegen des überbordenden Nationalgefühls im Gedächtnis. Und das war vor sechs Jahren, im schönsten Frieden, als es den Kommunismus nicht mehr und den Terrorismus noch nicht gab.

Zielvorgabe: Zwanzig Medaillen

Die Befürchtungen, dass es erneut zu heftigen patriotischen Aufwallungen kommt, speisen sich aus den Erfahrungen mit der Vergangenheit. Der 11. September wirkt nach. Es sollen die "healing games" werden, die heilenden Spiele. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Medaillen von US-Athleten gewonnen werden, desto heilender werden die Spiele sein. Kosten spielen keine Rolle. Der Preis für eine Goldmedaille wurde von 15 000 auf 25 000 Dollar angehoben. Mit zusätzlich 32,5 Millionen Dollar wurde das Training unterstützt. "Ich bin seit dem 11. September noch stolzer, diese großartige Nation zu repräsentieren", sagt stellvertretend für viele US-Bobfahrer Todd Hays.

Zwanzig Medaillen haben die US-Verantwortlichen als Ziel angepeilt. Das wäre eine Sensation. Nur ein einziges Mal, 1932 in Lake Placid, dominierten die USA bei Winterspielen den Medaillenspiegel. Im Durchschnitt gewinnt das Team neun Medaillen und steht am Ende auf dem fünften Platz. Mehr als 13 Medaillen, das war 1998 in Nagano, gab es noch nie. Schon wird vor dem Erwartungsdruck gewarnt, der in diesem Jahr auf den Sportlern lastet. Sie würden von einer "surrealen Atmosphäre aus Patriotismus und gesteigerten Hoffnungen" umgeben. Schlittschuh-Star Michelle Kwan, die am 21. Februar vor 15 600 jubelnden Fans im Finale stehen will, gruselt sich ein bisschen: "Entweder raubt dir das die Energie oder es beflügelt dich."

Wahrscheinlicher ist Variante zwei. Der Heimvorteil hat sich historisch fast immer positiv ausgewirkt. Die vergangenen drei Winterspiele fanden in Japan, Norwegen und Frankreich statt. Alle diese Länder erzielten die meisten Medaillen ihrer Geschichte. In Salt Lake City freilich dürfte der Hype durch ein weiteres Novum gesteigert werden. Zum ersten Mal werden die Medaillen in umgekehrter Reihenfolge vergeben, erst Bronze, dann Silber, dann Gold.

Sport und Politik: Ganz frei war Olympia noch nie von außersportlichen und nationalistischen Motivationen. 1956 etwa, nachdem sowjetische Panzer den Aufstand in Ungarn niedergeschlagen hatten, trafen in Melbourne die ungarischen Wasserballer auf die favorisierten Russen. "Sie hatten unser Land bombardiert, ich hasste sie", erinnert sich später einer der Spieler, Ervin Zador. Im Wasser wurden die Russen von den Ungarn fortwährend beschimpft. Ihr Hass spornte sie an. Am Ende gewannen sie mit 4:0.

Vielleicht werden auch die Sportkämpfe von Salt Lake City nicht als Hochsicherheits- und Mormonen-Spiele in die Geschichte eingehen, sondern als gigantische blau-weiß-rote Patriotismus-Veranstaltung. Der 11. September wäre für die Amerikaner Grund genug. Und böse werden sie nur, wenn sich die Vermischung aus Sport und Politik gegen ihr Land richtet - wie am 16. Oktober 1968 in Mexiko. Damals hatten zwei schwarze Sprinter Gold und Bronze im 200-Meter-Lauf der Männer gewonnen. Ihren Platz auf der Siegertreppe nahmen sie barfuß ein, trugen Anstecker der Bürgerrechtsbewegung, senkten die Köpfe und hoben ihre Faust, als die Nationalhymne gespielt wurde. Ihr Protest richtete sich gegen den Rassismus in den USA. Gut 24 Stunden nach ihrer Aktion wurden die beiden Athleten vom Nationalen Olympischen Komitee gesperrt und in ein Flugzeug zurück nach Amerika gesetzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben