Kultur : Olympia-Ästhetik: Die nackten Kanonen

Claudia Gehrke

Ein wenig bedauernd berichten die Medien von der Haihaut, die jetzt die schönen Körper der olympischen Schwimmer verpacken wird. Die Ganzkörperrasur und die zu einem skandalösen Mini geschrumpften Höschen zur Verringerung des Wasserwiderstands seien da früher doch weitaus reizvoller gewesen.

Was steckt hinter dieser Schelte? Auch wir zappeln längst in einem visuellen Netz aus Körperbildern, deren verdichteter Ästhetik sich kaum ein Zeitgenosse mehr entziehen kann, auch die Kritiker nicht. Musik, Mode und Fitnesskult spiegeln einander, und wir spiegeln uns in ihnen. "Schön und gesund", lautet das Ideal. Misstrauisch beäugt werden fette Menschen, Raucher und andere, die dem modernen Gott "Gesundheit" nicht entsprechen. Diätprodukte boomen, dazu kosmetische Chirurgie, Bodybuilding und neuerdings die Wellness - für jene, die es sanfter mögen. Wenn jemand sagt, etwas sei ungesund, klingt das schon wie ein moralischer Vorwurf.

Nicht nur die USA, auch Japan und Westeuropa huldigen der Körperpflege- in der Hoffnung, man könne damit das Uneinsehbare, den Tod, für immer verschieben. Und die Verdrängung führt zur Absurdität, so sagte ein japanischer Kritiker kürzlich im Tokyoter Fernsehen: "Für die Gesundheit tun sie alles. Sie sind sogar bereit, dafür zu sterben."

Gerade die Sportler aber verschleißen sich am schnellsten. Die Schultern der Speerwerferinnen sind kaputt, die Herzen der Läufer streiken, die Athleten sind an und über ihre Grenzen getrieben. Also werden die Knochen auch ergänzt durch mechanische Teile, Geschenke derder Autoindustrie und anderer Maschinenwelten. Und es warten noch die Nanobots.

Dabei setzte die Gestaltung der bella figura ursprünglich direkt am Fleisch an. Bis ins 19. Jahrhundert modellierten Mieder und Korsett die begehrenswerten Silhouetten. Man nahm das weiche Fleisch als formbare Masse, Sport war degoutant. Eine Gegenbewegung entwickelte sich im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung samt den Problemen der Arbeiterarmut auf der einen und dem Aufblühen der Konsumkultur auf der anderen Seite. Auf der Suche nach dem "Authentischen" entsteht in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die Naturisten-Bewegung mit ihrer Nacktkultur. Körperideal ist die sonnengebräunte athletisch-schöne Gestalt, die sich mit Luftbädern und sportlicher Betätigung eine Steigerung ihrer Individualität erhofft. Der Siegeszug des schlanken, sportfitten Körpers beginnt.

Auch Frauen treiben nun massenweise Sport. Das Volumen ihrer Bekleidung nimmt ab, Korsette werden elastischer, bis sie ganz verschwinden. Eine Frauenrechtlerin des ausgehenden 19. Jahrhunderts behauptete, das Fahrrad habe zur Emanzipation der Frau mehr beigetragen als alle politischen Anstrengungen der Frauenbewegung. In der Tat wird das athletisch-nackte Körperbild zum Ausdruck für Gleichberechtigung und Individualität. Erst der Faschismus deutet es wieder um: Nun symbolisiert der athletische Arbeiterkörper nicht länger proletarische Solidarität, sondern den "rassisch überlegenen" Menschen. Und der sportlich-schlanke Frauenleib steht nicht mehr für weibliche Selbstbestimmung, sondern für Sittsamkeit und Gesundheit im Zeichen der Mutterschaft.

Vielleicht werden deshalb gleich nach dem Krieg in den 50er Jahren wieder voluminösere Idole und "Busenwunder" angehimmelt; man bevorzugt nach dem Krieg kalorienreiches Essen. Erst später knüpft die Geschichte der Körperbilder nochmals an die 20er Jahre an: mit der neuen Frauenbewegung und einem neuen Gesundheitskult.

Wie sich die Bilder verändern. Wer heute die Fußballweltmeister von 1974 sieht, staunt über jene Horde zotteliger und bärtiger Typen auf dem Spielfeld. Besonderes Merkmal: hängende Schnauzer. Männlich lange Haare in den späten 60ern waren Ausdruck des Protests: Körperbilder sind immer beeinflusst von sozialen Bewegungen. Heute gibt es den Lagerfeld-Pferdeschwanz, ansonsten Kurzhaarschnitt und den Dreitagebart des jungen Karrieristen.

Der neue Mensch ist haarlos. Epilieren und rasieren sind angesagt, nicht nur bei schwulen Männer. Auch die Models, ob männlich oder weiblich, sind haarfrei: geschlechtslose Androiden. Eigentlich sprechen Menschen aber mit den Augenbrauen, Haare bedeuten etwas. Heute herrscht dagegen der Glaube vor, man käme dem Körper näher, etwa in erotischen Situationen, wenn er keine Haare hat. Die Berührung des realen Körpers gilt als gefährlich, in den Zeiten von Aids besteht Ansteckungsgefahr. Also erscheinen abstrakte Körper: reine Oberflächen, geruchslos, nur noch Medium.

Was ist eigentlich der sportliche, der athletische Körper? Schließlich kreieren verschiedene Sportarten verschiedene Körper. Die weibliche Turnerin zum Beispiel sieht immer sehr jung aus. Oft verspätet sich ihre Menstruation aufgrund des Trainings, so dass sie, schlank und gleichzeitig kompakt, oft präpubertär, ja kindlich wirkt. Das macht sie nur bedingt vergleichbar mit den Ikonen der Mode und ihren androgynen, mageren Modellen. Jene entsprechen dem ungefährlichen Ideal der Kindfrau, der verbotenen Frau - die in den Models überhöht und also immer groß auftritt. Turnerinnen sind klein, Models groß.

Die Schwimmerin mit ihrer schlanken großen Statur und dem kräftigen Rücken entsprechen schon eher dem weiblichen Ideal-Körper. Dana Torres zum Beispiel ist Schwimmerin und arbeitet als Model. Ganz anders dagegen die Kugelstoßerin mit ihrem dicken Hals und den kräftigen Armen, die ähnlich wie die Bodybuilderin auch als Mann durchgehen könnte. Deshalb muss sie ihre Weiblichkeit stilisieren. Bodybuilderinnen tragen Make-up und lassen sich Silikonimplantate einsetzen, denn echte Brüste bestehen aus Fett und sind zu schwer. Längst hat das IOC - ausschließlich für Frauen! - einen Geschlechts-Test eingeführt: Die "Fem-Card" ist für Athletinnen so wichtig wie ein Pass; mehrmals schon wurden Athletinnen wegen Zweifeln an ihrer sexuellen Identität disqualifiziert.

Bis heute ist eine Existenz jenseits des binären Körpersystems nahezu unmöglich - allen Gendercrossing-Debatten zum Trotz. Dabei ist laut Statistik mindestens ein Mensch unter 500 nicht eindeutig Mann oder Frau; bei den Athletinnen sind es weit mehr. Viele Elitesportlerinnen haben nie menstruiert.

Körper changieren - zwischen den Geschlechtern. Und sie verwandeln sich. Nicht nur die Körper von Sportlerinnen; wir alle verändern uns im Laufe des Lebens. Ab 40 werden viele Frauen runder, später wächst manchen sogar ein Bart...

Schauen wir genauer auf jene Körperbilderwelt, die uns umstellt, wird diese Uneindeutigkeit offensichtlich. Der androgyne, männliche Popmusiker unterscheidet sich durch fast nichts vom feenhaften Model. Und der trainierte, bodygebildete Athlet nimmt zunehmend weibliche Züge an. Auch er verwendet Make-up, auch er zeigt Brust und gleichsam weibliche Emotion: Weinende Fußballer und Rennfahrer sah man früher selten in den Medien.

"Draußen die Straße entlang / spazierte zähneputzend eine schöne Frau / auf der Bank im Park / trank ein Mann in Umstandskleidung Apfelsaft." So deutete die Schriftstellerin Yoko Tawada schon 1987 das Fluktuieren zwischen den Geschlechtern an. Aber die reale Intersexualität scheint aus der modernen Bilderwelt noch immer ausgeschlossen, es sei denn als Freakshow. Ebenso ergeht es dem sogenannten Nicht-Gesunden. Ausgeschlossen sind also auch unsere Alltagskörper: Sie haben Schnupfen, sie schwitzen und verwandeln sich unablässig - diesseits der Spiegelwelt.

Doch wie man an der Geschichte der Bilder sieht, beeinflusst nicht nur die Spiegelung unsere Identität, sondern auch umgekehrt unsere reale Welt die Welt der Bilder. Wir wissen ja sehr wohl um den trügerischen Schein der Spiegel. Und so wohnt auch dieser Schelte der Körperbildereine Spur protestantischer Moral inne: derzufolge die Dämonen die Bilder herumtragen und die leicht verführbare Bürgerklasse verderben. Nehmen wir es dagegen versuchsweise als Spiel. Genießen wir einfach die schönen, feenhaften oder athletischen Wunderkörperbilder. Mit Haihaut und ohne.

Die Autorin ist Leiterin des Konkursbuch-Verlags in Tübingen und gibt das "Jahrbuch der Erotik. Mein heimliches Auge" heraus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben