Olympia in Berlin : Als die Götter laufen lernten

Von Olympia lernen heißt schauen lernen. Schon vor vor 2500 Jahren waren die Spiele eine Verbindung von Götterdienst und Macht, Repräsentation und Begegnung, Kultur und Sport. Der Berliner Gropius-Bau präsentiert eine großartige kulturhistorische Ausstellung.

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La Ola in der Antike. Dieses Fragment eines attischen Weingefäßes um 570 v. Chr. zeigt Zuschauer beim Wagenrennen.
La Ola in der Antike. Dieses Fragment eines attischen Weingefäßes um 570 v. Chr. zeigt Zuschauer beim Wagenrennen.Abbildung: Katalog

In Delphi, so sagt man, war der Nabel der Welt, in Olympia aber schlug das Herz. Das ist nun keine rein griechische Perspektive, denn bereits im 8. Jahrhundert v. Chr., als die Spiele ihre noch heute gültige Form annahmen, unterhielt das Heiligtum auf dem Peloponnes Verbindungen bis nach Sizilien und in den Mittleren Osten. Der Ort selbst muss schon im 3. Jahrtausend besiedelt worden sein, und jüngste Grabfunde weisen auf starke mykenische Präsenz hin.

Siegen oder unterliegen. Man kann in Olympia viel lernen, vor allem dies: Es sind Menschen, die Mythen und Götter machen. Die olympische Zeus-Statue des Bildhauers Phidias, über zwölf Meter hoch und reich verziert, gehörte zu den Sieben Weltwundern der Antike. Von ihr ist nichts geblieben, nur der Platz, auf dem einst der Tempel stand – und die herrlichen Giebelfiguren. Auch hier tobt, wie auf dem Pergamonaltar, ein gigantischer Kampf. Geblieben ist der Mythos, haltbarer als Bronze und Stein.

Im Lichthof des Martin-Gropius-Baus stehen die Kombattanten aufgereiht, in Gipsabgüssen. Sie machen mächtig Eindruck. Wie groß muss der Zeustempel gewesen sein, wenn schon die Giebel derart in den Raum ausgreifen. Die Originale befinden sich im Archäologischen Museum von Olympia. 1875 hatten deutsche Archäologen mit ihren Ausgrabungen begonnen, nachdem die Franzosen schon 1829 fündig geworden waren in jener fruchtbar-freundlichen Landschaft, wo sich die griechische „Kult- und Kulturnation“ feierte, wie es Hans-Joachim Gehrke, der frühere Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, formuliert.

Bildergalerie: Grabungen in Olympia

Geschichte der Grabung
So fing alles an. Die Trümmer des Zeustempels mit Arbeitern während der ersten Ausgrabungskampagne 1875/76.Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: © Deutsches Archäologisches Institut Athen Archiv
30.08.2012 12:32So fing alles an. Die Trümmer des Zeustempels mit Arbeitern während der ersten Ausgrabungskampagne 1875/76.

Angesichts der langen Vorgeschichte und der Bedeutung des gesamten Komplexes ist es kaum zu glauben, aber die Berliner Ausstellung „Mythos Olympia - Kult und Spiele“ stellt ein Novum dar. Nie zuvor hat sich eine kulturhistorische Schau so intensiv mit Olympia beschäftigt. Noch nie hat Griechenland eine so große Zahl von Artefakten – über 500 – ins Ausland verliehen. Eleftherios Ikonomou, Direktor der Griechischen Kulturstiftung in Berlin, hat das Projekt entworfen und vorangetrieben; keine leichte Sache in ökonomisch vergifteten Zeiten. Etliche Stücke sind überhaupt zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sehen. Hinzu kommen Leihgaben aus dem Louvre, den Vatikanischen Museen und der Berliner Antikensammlung. Auch der vorzügliche Katalog bricht mit seinen 3,2 Kilo Kampfgewicht so manchen Rekord.

Dabei hat die Präsentation nichts Auftrumpfendes. Die Statuette eines Läufers, zart und schlank und kaum zehn Zentimeter groß, empfängt den Besucher im ersten Raum. Der kleine Mann ist auf dem Sprung, man folgt ihm gern. Zu dem mykenischen Krater aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, den man in einem Kriegergrab bei Olympia fand, eine der ältesten Darstellungen eines Wagenrennens. Zu den archaischen Schilden und Helmen, den Waffen, die in Olympia den Göttern aus der Kriegsbeute geweiht wurden. Oder zu den sprechenden Terrakotten, die jüngst erst in einem Heiligtum der Demeter entdeckt wurden. Wären Schönheitspreise zu vergeben, dann wäre der bronzene Granatapfel aus der klassischen Zeit ein heißer Kandidat, aber auch der Kopf des Herakles aus einer Metope des sagenhaften Zeustempels. Und natürlich das Spalier der Athleten in Lebensgröße mit der Statue einer Wettläuferin. Olympia war Männerangelegenheit, nur bei den Heräen traten Mädchen an.

Ausführlich hat der griechische Reiseschriftsteller Pausanias, der antike Baedeker, die olympischen Stätten beschrieben. Vor allem Zeus und sein Thron faszinierten ihn. Nach Pausanias, der erst im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte, hat man dann im antikenverrückten 19. Jahrhundert das Innere des Tempels bildlich rekonstruiert. Das führt die Ausstellung in Originalzeichnungen und Projektionen vor. Wieder spürt man, was Olympia für die Welt war und ist. Das Lincoln Memorial in Washington ahmt den olympischen Zeus in Gestus und Monumentalität nach.

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