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Olympia in London : Die Brache lebt

25.07.2012 19:44 Uhrvon
Blick vom lange schon begradigten Flüsschen Lea in Ost-London Richtung Olympia-Gelände, mit Anish Kapoors verdrehtem Turm, einem stählernen Entlüftungsturm und dem Olympiastadion im Hintergrund.Bild vergrößern
Blick vom lange schon begradigten Flüsschen Lea in Ost-London Richtung Olympia-Gelände, mit Anish Kapoors verdrehtem Turm, einem stählernen Entlüftungsturm und dem Olympiastadion... - Foto: Caro / Bastian

Rund um das Olympia-Gelände soll der arme Osten von London schöner werden. Hauptattraktion ist dabei Europas größte Shopping Mall. Ein Rundgang.

Das Olympiastadion ist nur von fern zu erahnen. Seine leichte Stahlkonstruktion mit dem Zackenrand der Scheinwerferbatterien erhebt sich kaum über den Horizont, der hier, im Osten Londons, aus einem gleichförmigen Gewirr von Gewerbebauten, Wohnhäusern und Schnellstraßen besteht. Aus der Nähe wird der Normaltourist das Stadion erst betrachten können, wenn die Spiele vorbei sind. London hat genug mit dem Versagen der großspurigen Sicherheitsfirma zu tun, als dass es vorwitzige Touristen am Fuß des Stadions erlauben könnte.

Also bleiben die Besucher auf Abstand. Den besten aller schlechten Blicke haben sie von der Fußgängerbrücke, die im Zuge des neu angelegten Greenway Park über die High Street, die Hauptstraße des Olympia-Stadtteils Stratford gelegt wurde.

Von hier aus fällt vor allem der nach Art einer Vergnügungspark-Achterbahn verdrehte Aussichtsturm auf, der sich neben dem Stadion auf 115 Meter Höhe schraubt. Der „Arcelor Mittal Orbit“, entworfen von dem vielfach preisgekrönten indobritischen Künstler Anish Kapoor und großenteils finanziert vom indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal, sollte ein Ausrufezeichen in diese gleichförmige Horizontlinie setzen. So hatte es sich Londons umtriebiger Bürgermeister Boris Johnson gewünscht.

Boris hat sich nicht nur den Turm gewünscht, sondern überhaupt „the Games“, um den Osten Londons endlich aufzumöbeln. Der war immer schon schäbig, seit dem Verlust nahezu aller gewerblichen und vor allem „schmutzigen“ Betriebe erst recht. Arme-Leute-Gegend mit hohem Einwandereranteil.

Das Werkzeug zur Sanierung ist die London Legacy Development Corporation (LLDC), die das „Vermächtnis“ der Olympischen Spiele – soweit die Sportanlagen überhaupt auf Dauer eingerichtet sind – in ein lebenswertes Stadtviertel transformieren soll. Man kann das Konzept durchaus mit dem der West-Berliner IBA von 1983/87 vergleichen, als ebenfalls ganze Stadtteile durch den Einsatz erheblicher Sondermittel regeneriert werden sollten.

Das Ergebnis, soweit es kurz vor Beginn der Spiele zu erkennen ist, hält einem solchen Vergleich nicht stand. Dazu ist der Einfluss von Investoren zu groß. London ist Immobilien-Boomtown, und die Chancen, die sich in einem mit Milliarden an Steuergeldern aufgewerteten Olympia-Umfeld bieten, führen zu entsprechender Bauspekulation. Stadtplanung hat in London noch nie so funktioniert wie in Frankreich oder in Deutschland. Grundbesitz bleibt der entscheidende Machtfaktor bei der Gestaltung des urbanen Umfelds.

So reihen sich denn an der High Street von Stratford etliche neue Hochhäuser aneinander. Die Hochhausbebauung zieht sich auch an den Kanälen und schiffbaren Armen des Flüsschens Lea entlang, sie endet erst unmittelbar vor dem vier Meter hohen Metallgitterzaun, der den Olympiapark abriegelt. 70 000 Bewohner sollen in der unmittelbaren Olympia-Peripherie Platz finden. Dass es die jetzigen Bewohner von East London sein werden, ist zu bezweifeln, ja nahezu ausgeschlossen.

Für einen Stadtteil, in dem die Arbeitslosigkeit das Doppelte des Londoner Durchschnitts beträgt und viele tausend Haushalte Transferempfänger sind, ist die angestrebte Obergrenze von 80 Prozent der marktüblichen Vergleichsmiete immer noch viel zu hoch. Andererseits führen die lautstarken Klagen darüber insofern in die Irre, als in Stratford zwar eine erhebliche Aufwertung des Quartiers stattfindet, aber kaum Verdrängung von Alteingesessenen. Wie der gesamte Olympia-Park entstehen auch die weiteren Neubauten auf bisher nicht zu Wohnzwecken genutzten Flächen, auf schier endlos sich erstreckendem postindustriellem Brachland.

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