Kultur : Olympias Reste in Berlin

Jürgen Tietz

Berlin ist nicht Rom. Das beweisen auch Erdarbeiten, bei denen man im märkischen Sand - anders als in der Stadt am Tiber, wo jeder Zentimeter Erde mit Geschichtsfragmenten getränkt ist - selten auf alte Säulen stößt. Doch nun kann auch Berlin mit einem sensationellen Säulenfund am Olympiastadion aufwarten. Im Rahmen des aktuellen Stadionumbaus traten bei Ausschachtungsarbeiten für den Neubau einer Rampe zwischen Marathontor und Maifeld Teile des alten "Deutschen Stadions" zu Tage. Dieser Vorläufer des Olympiastadions war 1912/13 nach einem Entwurf von Otto March (1845-1913) entstanden, einem der wichtigen und einflussreichen Berliner Architekten der Jahrhundertwende. March hatte sein Stadion in vertiefter Lage in der Mitte der damaligen Grunewald-Pferderennbahn platziert.

Bisher hatte man angenommen, dass das alte Stadion für den Neubau des Olympiastadions durch Otto Marchs Sohn Werner March 1934 vollständig gesprengt worden sei. Schließlich überlappte der Neubau mit seinen gewaltigen Substruktionen den größten Teil der alten Anlage. Lediglich der einstige Hauptzugang des "Deutschen Stadions" blieb erhalten und wurde als so genannter March-Tunnel in das Olympiastadion einbezogen. Der aktuelle Fund, zehn Meter unter der Erdoberfläche, dokumentiert jedoch, dass 1934 offenbar nur die höher liegenden Teile der alten Anlage beseitigt wurden. Tiefer angelegte Bereiche wurden - sofern sie den Neubau nicht störten - lediglich mit Sand verfüllt.

Die erstaunlich gut erhaltenen Funde aus Stahlbeton werden derzeit vom Landesdenkmalamt freigelegt und dokumentiert. Die sechs Betonsäulen samt Gebälk gehörten zur westlichen Begrenzung des Schwimmbeckens des alten Stadions. Ebenfalls erhalten sind die angrenzenden Räume, die sich durch ihre pompejanisch-rote Wandfarbe auszeichnen. Das Schwimmbecken des "Deutschen Stadions" war als eine Art Ausbuchtung des Stadionovals in die Gesamtarena integriert. Oberhalb der Säulenhallen schlossen sich die Tribünen an, die seitlich von Reiterstandbildern flankiert wurden. Zentrum der Tribüne war eine Siegessäule, die der Kaiserloge für Wilhelm II. gegenüber lag. Die aktuellen Säulenfunde sind ein besonderer Glücksfall. Auf anschauliche Weise unterstreichen sie die lange Tradition, die dem Sport-Standort Olympiastadion seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts zukommt. Baugeschichtlich dokumentieren die Betonsäulen die fortschrittliche Materialverwendung bei Otto March.

Die Erhaltung der überraschenden Funde an ihrem originalen Standort und die Einbeziehung in das Gesamtkonzept des vielschichtigen Denkmalensembles Reichssportfeld und Olympiastadion sollte daher für alle am Umbau des Stadions Beteiligten selbstverständlich sein. Im behutsamen Umgang mit den Überresten des Deutschen Stadions kann die Berliner Politik beweisen, dass für sie Denkmalschutz und ein differenziertes Geschichtsverständnis nicht nur Lippenbekenntnisse sind.

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