Kultur : Olympische Landschaften

In Peking bestreiten die großen deutschen Museumsverbände das Kulturprogramm vor den Spielen

Bernhard Schulz

Das Erdbeben hat alles verändert. Die Naturkatastrophe im Süden des chinesischen Riesenreiches lenkt die Aufmerksamkeit einmal mehr auf die Bedrohung, der menschliches Leben stets und ständig ausgesetzt ist. Was kann, was soll da noch die Kunst in der Hauptstadt, wenn anderthalb tausend Kilometer entfernt Hilfskräfte die immer drängendere Not der Überlebenden zu lindern suchen?

So konnte nicht verwundern, dass die Eröffnung der Ausstellungen, mit denen die drei großen Museumsverbände Deutschlands in China gastieren, prestigeträchtig als gewichtigster Teil des Kulturangebots vor den Olympischen Spielen, letzte Woche in eher gedämpfter Stimmung stattfand. Die spontane Geste des Offenburger Medienunternehmers, Sammlers und Privatmuseumseigners Frieder Burda während der Vorstellung der aus seinen Schätzen wesentlich gespeisten Gerhard-Richter-Ausstellung, einen fünfstelligen Betrag für die Opfer der Provinz Sichuan zu spenden, fand denn auch den demonstrativen Applaus der chinesischen Journalisten. Das Negativimage, das sich die Volksrepublik mit ihrer Tibetpolitik eingehandelt hat, machte angesichts der raschen Reaktion der Regierung auf die Katastrophe in Sichuan schlagartig einem Bild von Fürsorge und Krisenmanagement Platz, das so kurz vor dem spektakulären Großereignis der Olympischen Spiele weltweit mit Erleichterung aufgenommen wird.

Nun also Kultur. Die deutschen Museumsverbände – die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die Staatlichen Museen Berlin und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München – haben unter Dresdner Führung bereits seit Jahren auf ein gemeinsames Engagement in China hingearbeitet. Zwei Ausstellungen, die jetzt gleichzeitig im Nationalen Kunstmuseum von China (NAMOC) in der Hauptstadt Peking unweit des Kaiserpalastes gezeigt werden, sind das erste Ergebnis des unter der Schirmherrschaft von Chinas Staatspräsident Hu Jintao und seinem deutschen Amtskollegen Horst Köhler vereinbarten Kooperationsabkommens von 2006. Die Museen zeigen „Lebende Landschaften“, eine Auswahl deutscher Landschaftsmalerei des 19., 20. und 21. Jahrhunderts, sowie eine Retrospektive des Malers Gerhard Richter.

Der 76-jährige gebürtige Dresdner, von den Museumsgewaltigen seiner Geburtsstadt in den vergangenen Jahren systematisch umgarnt, unterließ die Reise nach Peking; sehr zum Kummer der chinesischen Gastgeber, die nicht müde wurden, ihn als das große Vorbild für die zeitgenössischen Künstler Chinas zu preisen. Die chamäleonhaften Stilwechsel zwischen Abstraktion und Figuration, zwischen Grautönen und regelrechter Buntheit, die Richter seit Jahrzehnten pflegt, machen ihn besonders attraktiv für eine Künstlerschaft, die ihren Weg zwischen einer lebendigen Tradition und der Formulierung einer zeitgenössischen Sprache noch nicht gefunden hat. Wie all das aus ein und derselben Palette fließen kann, die grobstrichigen Adaptionen von Schwarz-Weiß-Fotos und die subtilen Interpretationen farbiger Fotografien, die expressiven Farbgewitter auf großen Formaten und die geradezu mechanisch gesetzten Farbraster – das reizt das Pekinger Publikum zu genauester Examinierung der Leinwände.

Ein Stockwerk darüber dann in drei großen Sälen der Überblick über die deutsche Landschaftsmalerei seit dem frühen 19. Jahrhundert in 120 hochkarätigen Gemälden, nicht als kunsthistorische Chronologie, sondern mit den Schwerpunkten Romantik, Expressionismus und Gegenwart. Ulrich Bischoff, Direktor der Dresdner Galerie Neue Meister, hat eine sehr sächsische Auswahl zusammengestellt, mit dem Dresdner Akademielehrer Caspar David Friedrich im Mittelpunkt des ersten Saales, der in Elbflorenz begründeten „Brücke“ im zweiten und der heutigen „Leipziger Schule“ im dritten Raum. Berlin und München assistieren mit vorzüglichen Ergänzungen, und fast muss man dieser Tage schon nach Peking reisen, um die norddeutsche Romantik, aber auch die Dresden-Berliner „Brücke“ derart konzentriert zu erleben wie im NAMOC unweit der Verbotenen Stadt.

Allein die Gegenwartsauswahl fällt etwas ab, vermag sie doch die einzelnen Künstler nur stichprobenartig mit jeweils einem einzigen Werk eher anzudeuten denn tatsächlich vorzustellen. Was Landschaftsmalerei heute sein kann, lässt sich im NAMOC ein Stockwerk tiefer bei Gerhard Richter eindrücklicher studieren.

So lassen sich die beiden Ausstellungen im Nationalen Kunstmuseum am besten als Fingerübungen für den ungleich gewichtigeren Auftritt verstehen, den die Museumsverbände im übernächsten Jahr in der chinesischen Hauptstadt haben werden. Dann nämlich, im Herbst 2010, soll das Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens eine auf ein Jahr Laufzeit ausgelegte Querschnittsausstellung der drei Museumskonglomerate beherbergen. Das Haus wird derzeit nach Plänen des Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan zum flächengrößten Museumsgebäude der Welt umgebaut. Die Generaldirektoren Martin Roth (Dresden), Reinhold Baumstark (München) und Peter-Klaus Schuster (Berlin) werden denn auch nicht müde, die gemeinsame Rolle ihrer Institutionen, des „virtuellen deutschen Nationalmuseums“, als „Kulturbotschafter Deutschlands“ zu rühmen.

Eine Absage des vorolympischen China-Auftritts, wie ihn deutsche Politiker der zweiten Reihe glaubten anraten zu müssen, kam für die Berlin-Dresden-Münchner Trias zu keinem Zeitpunkt in Frage. „Ausgerechnet Kultur, die den Faden des Dialogs bereitet“, wundert sich Martin Roth, „soll benutzt werden, diesen Faden abzuschneiden!“

Auf chinesischer Seite sitzt die Verärgerung über den Westen allerdings tief. Chen Ping, der als exzellenter Deutschlandkenner im chinesischen Außenministerium die jetzige Zusammenarbeit wesentlich mitgestaltet hat, rügt die seiner Ansicht nach schiefe Berichterstattung der westlichen Medien. Einmal in Fahrt, sagt er zwei kurze Sätze, die das chinesische Selbstwertgefühl als alter und neuer Weltmacht bündeln: „China braucht Europa? Im Gegenteil: Europa braucht China!“

Was jedoch Tibet angeht, so finden sich in Peking selbst die besten Beispiele für den Umgang der chinesischen Macht mit dem von ihr jahrhundertelang dominierten Tibet. Als der Dalai Lama 1751 bei Kaiser Qianlong – der bis heute als Vorbild weiser Regentschaft verehrt wird – zum Staatsbesuch weilte, ließ ihm der Herrscher die weiße Stupa im Beihai-Palastpark errichten, die seither zu den Wahrzeichen Pekings zählt. Und dazu den Lamatempel Yonghe Gong, in dem bis heute der tibetische Buddhismus der „Gelbmützen“ gepflegt wird. Die Gebets- und Opferriten werden im Post-Kommunismus aufs Selbstverständlichste praktiziert, nebenbei vorwiegend von jungen Chinesen. Im Jahr 1981, so verrät eine unscheinbare Tafel, wurde der Tempelbezirk wieder zugänglich gemacht – nach der düsteren Dekade der „Kulturrevolution“, die nur dank Ministerpräsident Tschu En-lai vor den Toren von Yonghe Gong Halt machte.

China weiß genau zu unterscheiden zwischen der traditionellen Bindung, die der Staat gegenüber Tibet pflegt, und der Wahrung seiner Souveränität, auf die er – auch nach den bitteren Erfahrungen mit dem europäischen Kolonialismus samt dem verheerenden Einmarsch von 1900 – empfindlich bedacht ist. Das deutsche Kulturangebot in Peking jedenfalls wird seine Wirkung in einem Land nicht verfehlen, das sich seines langen historischen Gedächtnisses noch stets bediente.

Peking, National Art Museum of China (NAMOC), beide Ausstellungen bis 2. Juli.

0 Kommentare

Neuester Kommentar