Kultur : Om, Om, Om

Keine Erleuchtung, aber ein Sinnenrausch: das Indienspektakel „Bharati“ im ICC

Sandra Luzina

Das Timing war perfekt. Durch die Frankfurter Buchmesse rückte das Gastland Indien in den Fokus. Seit dem Herbst letzten Jahres touren auch zwei bombastische Shows durch Deutschland, die den Indienmythos beschwören: „Bollywood“ und „Bharati“ sind passgenau auf die Sehnsüchte des Westens zugeschnitten, beide wurden von ausländischen Produzenten zusammen mit indischen Teams auf die Beine gestellt. „Bollywood“, das Anfang Oktober im Berliner Admiralspalast Station machte, lockte mit Göttern, Gurus und Filmstars, driftete aber rasch in eine Trashorgie ab.

Das deutlich gelungenere Spektakel heißt „Bharati“ und hat heute Abend im ICC Premiere. Mit 100 Tänzern und Akrobaten, 15 Musikern und sechs Sängern ist die von dem Israeli Gashash Deshe produzierte Show nicht nur aufwendiger inszeniert, sie bietet auch die verführerische Optik und den betörenderen Sound. Wer den Weg in die seelenlose Kongresshalle nicht scheut, wird mit einem Trip in ein märchenhaftes Indien mit mandeläugigen Sari-Schönheiten belohnt. „Bharati“ vereint alles, was der Subkontinent zu bieten hat: anmutige Tänze, mitreißende Musik, farbenprächtige Kostüme und eine dramatische Lovestory à la Bollywood. Wer keine Angst vor einer Überdosis Kitsch hat, der wird glänzend unterhalten.

„Indien brachte uns Yoga und Ayurveda“, hebt der Erzähler an, der mit seinem holländischen Akzent fatal an Hermann van Veen erinnert. Halb Reiseführer, halb Märchenonkel preist er die Schönheit und Magie Indiens – das ist nur schwer zu ertragen, auch wenn er augenzwinkernd mit den Klischees spielt. Zu allem Überfluss lässt er die Zuschauer dreimal das kosmische Mantra „Om“ singen, bevor die Show beginnt – die spirituelle Tradition Indiens als Instant-Erleuchtung. Besonders geeignet ist „Bharati“ für Zuschauer, die auch mal in die Esoterik-Abteilung ihres Buchladens gehen. Die ewigen Hesse-Leser. „Bharat“ lautet der Name Indiens auf Hindi, die Abwandlung „Bharati“ bedeutet „Suche nach dem Licht“. Bharati ist zudem der Name der Hauptfigur des Abends, gespielt von Bhavna Pani. „Bharati ist eine Metapher für Indien“, so erläutert die Tänzerin und Schauspielerin ihre Rolle. „Sie repräsentiert das, was Indien heute ausmacht. Sie ist vom Westen angezogen, ist sich aber ihrer kulturellen Wurzeln bewusst. Sie versucht, eine Balance zu finden zwischen Moderne und Tradition.“

Der 24-jährige Tanzstar aus Bombay ist unumstritten die Hauptattraktion des Abends. Regisseur und Choreograf setzen alles daran, ihre Schönheit und ihr Talent ins schmeichelhafteste Licht zu rücken. Panis Bühnenpartner Gagan Malik, „Mister Photogenic India 2004“, hat auf der Bühne nicht viel zu mehr tun, als sie hingerissen anzuschmachten. Die Story lebt ganz von der Anziehungskraft der Protagonistin: Der junge Ingenieur Siddharta kehrt aus den USA zurück nach Indien. Am Ufer des Ganges trifft er die mysteriöse Bharati. Bislang hatte der verwestliche Beau nur Augen für seinen Apple-Computer – Bharati aber offenbart ihm die Schönheiten Indiens. Die Adoptivtochter des Feuerbestatters, ein Findelkind aus unterster Kaste, ist aber längst einem anderen, gleichrangigen Mann versprochen.

Wie bei einem Bollywood-Film sollte man sich in „Bharati“ freilich ganz auf Tanz und Musik konzentrieren. Die Choreografie ist ein Mix aus klassischem Kathak, Folklore und Freestyle à la Bollywood. Viele der Tänze sind sehr weiblich und sinnlich. Bhavna Pani, die mit sechs Jahren im Odissi, einem der ältesten indischen Tänze, geschult wurde, ist eine Augenweide und eine fantastische Tänzerin. Der Kurvenstar betört nicht nur mit kreisenden Hüften und sexy Bauchnabeling. Jeder Blick, jede Drehung des Kopfes ist exakt choreografiert – ein besonderer Blickfang aber sind die symbolischen Handbewegungen, die Mudras.

Die Musik zu „Bharati“ kommt nicht vom Band, sie ist live und ein Ereignis. Die Musiker in weißen Kaftanen sind malerisch auf der Bühne gruppiert: rechts die Streichersektion aus Rajastan und der Sitarspieler im Lotussitz, links die Percussionsgruppe mit Tablas und Kanjira-Schellen. Der Bombast-Sound verhackstückt klassische indische Musik und moderne Grooves, zahlreiche Bollywood-Hits wurden für die Bühnenversion bearbeitet. „Bharati“ bringt keine spontane Erleuchtung, verheißt aber einen zweistündigen Sinnenrausch. Wenn das farbenprächtige Spektakel eine Botschaft hat, dann diese: „Indien ist weiblich“.

ICC, Premiere heute um 20 Uhr 30. Weitere Vorstellungen: 3. bis 5. 1., 20 Uhr, 6. 1., 15 und 20 Uhr, 7. 1. 15 und 19 Uhr.

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