Kultur : Omas Erbe

Rasant: „Paris – Brest“ von Tanguy Viel

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Tanguy Viel ist keiner dieser allwissenden Erzähler behäbig dialogreicher 600Seiten-Romane, in denen personalträchtige Panoramen des Lebens, vorzugsweise des Familienlebens, aufgeblättert werden vom erbaulichen Anfang über weitestverzweigte Mittelteile bis zum mitunter erschröcklichen Ende. Mit anderen Worten, Tanguy Viel ist ein Außenseiter des Literaturbetriebs. Er macht es sich nicht im Ohrensessel gemütlich, sondern lässt seinen Ich-Erzähler gegen den Wind schnattern, und wer da nicht aufpasst, hat gleich was verpasst. Das klingt dann so:

„Ich war auch da, tausende Male, wenn ich sie mittags wie abends begleitete, wider Willen die hageren Offiziersfrauen grüßte, die dort speisten in ihrem verglasten Heiligtum. Wie es aussieht, wird man bei der Marine nach dem Knochenbau ausgesucht, oder aber es gibt ein bestimmtes Training oder eine bestimmte Ernährung, die ihre Körper sämtlich in diese längliche und kurios vogelartige Form schnitzt, ja, genau, sie sehen aus, ganz genau, sie sehen aus wie Gänse, wie Truthähne oder wie Erpel, und dazu Kinder im Dutzend, denn man ist fruchtbar in der Marine, die Kinder sehen auch aus wie Entlein, wenn sie, den Po immer so ein bisschen nach hinten rausgestreckt, durch die schwere Rauchglastür kommen.“

Wir sind im Cercle Marin in Brest an der französischen Atlantikküste, der junge Icherzähler namens Louis, aber den Namen erfahren wir erst kurz vor Schluss, begleitet seine Oma in diese Seeleute-Kantine. Nicht lange her, da hat sie einem Alten die Treppe vom Cercle Marin hinuntergeholfen, das führte zur Ehe und bald zu einer Erbschaft von 18 Millionen Francs. Andererseits hat, etwas länger her, Louis’ Vater Schande über die Familie gebracht als Vizepräsident des Fußballvereins von Brest, da waren plötzlich 14 Millionen Francs futsch. Und eines schönen Tages wird eine vergleichsweise geringe Teilsumme auf ungewöhnliche Weise bewegt, was die durchweg ungewöhnlich unsympathischen Familienmitglieder ungewöhnlich kommod mit dem Leben arrangiert, naja, von Glück wollen wir hier lieber nicht reden.

So ungefähr geht diese Geschichte, aber was für eine und wie! Tanguy Viel erzählt sie trickreich atemlos voranstolpernd, er entwindet sie seinem Icherzähler irgendwie, aber so ist das, wenn einer listig lieber zum Komma kommt als zum Punkt. Und einen – unbedingt undruckbaren – Roman im Roman gibt’s auch, und hier eine scharfe Erinnerungsabrisskante und dort eine groteske Gegenwartsszenerie, und fertig ist das sehr böse, sehr komische Familienporträt.

Aber hallo, heißt es nicht immer wieder: „Kein Schwein interessiert sich für Familiengeschichten“? Auch das gehört zu den brillanten Finten in diesem krachend kurzen Roman des 37-Jährigen Franzosen, kurz und heftig wie eine atlantische Brise, und auf einmal sind allerlei Schwarten wie weggeblasen. So’n Pech aber auch. Jan Schulz-Ojala





Tanguy Viel.

Paris–Brest.

Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.

Wagenbach Verlag Berlin 2010,

141 S., 16,90 €.

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