Omer Fast im Martin-Gropius-Bau : Das geklonte Ich

Sinnlichkeit und Distanz: Zum Auftakt der Programmreihe „Immersion. Analoge Künste im Digitalen Zeitalter“ zeigt der Martin-Gropius-Bau Videofilme des Künstlers Omer Fast.

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Szene aus "August" von Omer Fast.
Remake eines legendären Fotos. Szene aus "August" von Omer Fast.Foto: Courtesy Arratia Beer, Omer Fast

Wenn jemand stirbt, gibt es viel zu tun. Es gilt den Sarg auszuwählen, eine Rede zu schreiben, den Leichnam zu waschen und zu schminken, eine Feier zu organisieren. Selbst wenn das alles wunderbar umgesetzt wird, ist der Dank oft gering. Ein Bestatter ist einer, den man am liebsten nicht wiedersehen möchte. So erzählen es Menschen vom Fach in Omer Fasts Film „Looking pretty for God (After G. W.)“. Der Film ist jetzt zusammen mit sechs weiteren Werken des Künstlers im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Die Schau ist Teil der Veranstaltungsreihe „Immersion“, die in den nächsten drei Jahren im Gropius-Bau und bei den Berliner Festspielen stattfinden soll.

Fast unterlegt die Berichte der Einbalsamierer mit Aufnahmen von Bestattungsräumen. Was ein spannendes Porträt einer marginalisierten Berufsgruppe sein könnte, kombiniert der in Berlin lebende Künstler mit Szenen von Kindern, deren junge Körper ebenfalls geschminkt werden. Fashion-Styling trifft auf die letzte Maskerade.

Fast breitet den Zyklus des Lebens aus, ohne dass der Betrachter sich auf die Authentizität des Erzählten verlassen könnte. Erinnerungen sind trügerisch, Erlebtes wird in Echtzeit zur Fiktion – das ist Fasts großes Thema. Mit seiner Mischung aus Dokumentation und Fiktion gilt er als wegweisender Videokünstler. An der Schnittstelle zwischen Kunst und Kino werden seine Filme in Museen, bei der Biennale in Venedig oder der Documenta gezeigt, ebenso wie auf der Berlinale. Sein Thriller „Remainder“ lief 2016 erfolgreich in den Kinos.

Abgedunkelte Räume, teils inszenierte Wartezimmer

Es sind Bestatter, Drohnenpiloten, Soldaten, Pornodarsteller, Berufe mit der Lizenz zur Grenzüberschreitung, die Omer Fast interessieren. Die Alltagserlebnisse und Traumata dieser Menschen nimmt er als Ausgangspunkt seiner Filme, in denen sich Zeiten, Orte und Erzählperspektiven überlagern. Im Gropius-Bau präsentiert Fast seine Videoarbeiten teils in abgedunkelten Räumen wie im Kino, teils in inszenierten Wartezimmern. Er habe in seinem Leben selbst viel Zeit mit Warten verbracht, sagt der Künstler, der in Israel und Amerika aufwuchs. Sozialisiert in zwei Kulturen, mit zwei Sprachen und multipler Identität hat er eine Vorliebe für Doppelungen, Wiederholungen, Loops und Reenactments entwickelt.

In „Continuity“, einem 40-Minüter, der auf der Documenta 13 zu sehen war und den Fast jetzt auch zu einem Kinofilm ausgearbeitet hat, erzählt der Künstler die Geschichte eines deutschen Soldaten, der nach seinem Einsatz in Afghanistan in sein Elternhaus zurückkehrt. Irgendwann stellt der Zuschauer fest, dass es drei verschiedene Söhne sind, die die Eltern besuchen. Es ist nicht klar, wen das dubiose Paar sich da ins Haus bestellt hat und was es mit diesen traumatisierten Jungs, Callboys, Schauspielern eigentlich anstellt. In „5,000 feet is the best“ interviewt Fast einen Drohnenpiloten, der von einem sicheren Stützpunkt aus in Las Vegas auf Ziele in Krisengebieten schießen musste, in denen er körperlich nie anwesend war. Der Zuschauer sieht den Film in einem inszenierten Flughafenwartebereich auf zwei Monitoren, die über den Sitzbänken schweben. Der ganze Ausstellungsparcours erscheint wie eine Elegie auf das Leben, in dem wir uns die Zeit bis zum Tod mit Geschichten vertreiben, die sich nur anfühlen wie die Realität.

Der Besucher ist mittendrin

Fast saugt die Geschichten anderer auf wie ein Vampir, interviewt sie wie ein Journalist, hört ihnen zu wie ein Therapeut. „Ist er ein Blutsauger?“, steht auf dem Programmheft für die Ausstellung, das auch Fasts neuen Film „August“ ankündigt. Er handelt von dem Fotografen August Sander, der mit seiner Porträtserie von Menschen unterschiedlicher Berufsgruppen Fotogeschichte schrieb. Was wenig bekannt ist: Sanders Sohn kam 1944 in einem Kölner Gestapo-Gefängnis ums Leben. Um dieses Drama kreist der Film. In 3-D gedreht, glaubt man mit dem alten Mann am Tisch zu sitzen, als ein schleimiger Gestapo-Mann ihm die Nachricht vom Tod des Sohnes überbringt.

Wie kann man mit allen Sinnen in die Bilderflut eintauchen und trotzdem Distanz wahren, fragt die von den Berliner Festspielen initiierte Programmreihe „Immersion“. In den kommenden drei Jahren sollen vor allem im Martin-Gropius-Bau und im Haus der Berliner Festspiele Installationen, Performances, Ausstellungen oder experimentelle Erzählräume stattfinden. Bei allem steht der Besucher einem Werk nicht gegenüber, sondern ist mittendrin. Mit der Digitalisierung und der permanenten medialen Repräsentation aller Ereignisse verändert sich auch die Kunst, so die These der Macher. Was nicht immer heißen muss, dass mit digitalen Projektionen und virtuellen Realitäten gearbeitet wird, manchmal werden diese in echten Räumen – im Museum oder auf der Bühne – auch nur simuliert. „Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ heißt deshalb der Untertitel der Reihe.

Krachende Sounds und gestochen scharfe Bilder

Immersion ist alter Wein in neuen Schläuchen. Künstler haben immer versucht, Illusionen zu schaffen, Menschen in Bilder oder Filme abtauchen zu lassen, sie zum Weinen zu bringen oder ihnen mit Musik das Hirn wegzublasen. Die Geschichte der Immersion beginnt mit den Rundpanoramen im 18. Jahrhundert und setzt sich unter anderem im Raumfilm des Avantgarderegisseurs Sergej Eisenstein fort. Die Entwicklungslinie hat der Medientheoretiker Oliver Grau schon 1999 in einem Buch beschrieben, das viele jetzt zur Kenntnis nehmen.

Bei Fast entsteht Immersion durch krachende Sounds und gestochen scharfe Bilder, gleichzeitig wird sie ständig gestört. Kaum glaubt man den roten Faden einer Geschichte gefunden zu haben, wird sie von einer anderen Erzählung überlagert, schiebt sich ein weiteres Ich ins Bild. Sosehr man sich auch mit den Protagonisten in Fasts Filmen identifiziert, den Kopf kann man nicht ausschalten.

Hier blitzt dann kurz die politische Dimension der „Immersion“-Reihe der Berliner Festspiele auf. Wie man sich von der medialen Vereinnahmung emanzipiert, ohne sich abzuschotten, das können uns Künstler wie Omer Fast vielleicht beibringen.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 12 3.; Mi bis Mo 10–19 Uhr. Neben der Ausstellung findet im Rahmen der Reihe „Immersion. Analoge Künste im Digitalen Zeitalter“ im Gropius-Bau vom 18. bis 20. 11. die „Schule der Distanz“ mit Beiträgen von Künstlern und Wissenschaftlern statt. Das Duo Lundahl & Seitl präsentiert dort seine „Symphony of a Missing Room“ bis 20. 11.. Mona el Gammal zeigt ihre Installation „Rhizomat“ bis 4.12.. Ihr Spielort wird bei Ticketverkauf bekannt gegeben.

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