Kultur : Omne animal triste

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Peter Laudenbach über den

Schlussakt des Neuen Marktes

Die Struktur eines Dramas erinnert an eine Orgasmuskurve, behauptete Heiner Müller. Die rasante Kurve der Aktienkurse am Neuen Markt folgte einer ähnlichen Dynamik aus Lust und Schrecken. Nach seiner Gründung vor fünf Jahren erlebte das neue Börsensegment für kleine, aber innovative Technologie- und Biotechunternehmen ein sanftes Vorspiel, einen freundlichen ersten Akt. Auch bei Shakespeare ist nichts gefährlicher als so ein freundlicher Beginn: Wer einander im ersten Akt ewige Treue und Liebe schwört, wird sich im vierten Akt massakrieren. Bedauerlicherweise waren ShakespeareLeser unter den Börsenanalysten die Ausnahme. Und selbst Shakespeare-gestählte Theaterkritiker konnten sich der allgemeinen Euphorie des Neuen Marktes nicht entziehen: Könnte nicht einmal alles gut, glücklich und wohlhabend enden?

Der Index stieg und stieg, auf 1000, dann auf 2000, schließlich auf über 8500 Punkte. Kaum dachte man, die Klimax sei erreicht, folgte ein neuer Sturm zu noch höheren Gipfeln. Risikokapital wollte angelegt sein, jeder zweite Taxifahrer (und jeder zweite Theaterkritiker) träumte davon, dass sich sein Einsatz zügig verdoppeln, verzehnfachen, würde. Ein Goldenes Zeitalter schien anzubrechen, und Firmen, die keinen Pfennig Geld verdienten, wurden von Tag zu Tag wertvoller. Wovon radikale Utopisten und romantische Kommunisten geträumt hatten, machte die Börse für einen kurzen Moment wahr: Alle Gesetze der Ökonomie schienen außer Kraft gesetzt. Reich wurde, wer eine gute Story verkaufen konnte oder rechtzeitig an all die bunt leuchtenden Geschäftsmodelle geglaubt hatte. Nicht um so niedere Dinge wie Profit, Eigenkapitalrendite oder das Kursgewinnverhältnis ging es im schönen neuen Risikokapitalismus, sondern um Hoffnungen, Visionen und Träume.

Nie war das Börsengeschehen poetischer. Wer Dramen und Orgasmuskurven kennt – und wer kennt sie nicht – hätte ahnen können, was auf die kollektiven Höhepunkte folgte, die im Drama Peripetie heißen: der erst langsame, dann immer schnellere Absturz, der Fall zurück auf den harten Boden der Wirklichkeit. Klar, man hätte es ahnen können, gerade als Theaterkritiker. Aber wer will in Momenten des Glücks schon an die Gesetze des Dramas denken? Wie die seelische Läuterung, die Katharsis, erst im Massaker eintritt, erlebten die Aktienbesitzer im Niedergang ihren Realitätsschock.

Wer bei diesemTheaterstück nur Zuschauer war, hat naturgemäß bei den Zusammenbrüchen im fünften Akt sein größtes Vergnügen. Der Neue Markt ist Geschichte. Heiner Müller würde sagen: „Das Blut ist getrocknet, die Tragödie ist gelaufen.“

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