Kultur : One two three four

Rock sei Dank: das Berliner Ramones-Musical „Gabba Gabba Hey“

Lorenz Maroldt

One. Oje… Was ist denn das jetzt? Eine Parodie auf die West Side Story? Auf die Komödie am Kurfürstendamm? Eine Vorführung der Theater-AG der Gesamtschule Schöneberg-Nord, inspiriert von einem Klassenausflug nach New York? Ach nein, da kommt ja Rolf Zacher. Zu dem gleich mehr. Erstmal zurück zum Anfang und der Frage: Wie benehme ich mich bei der Premiere eines Ramones-Musicals? Ich muss doch da nicht etwa – sitzen?

Das nun nicht, Rock sei Dank. Ist wie bei einem Konzert, einem wichtigen Konzert, was man schon daran sieht, dass sich auch Monika Döring auf den Weg in den Columbia Club gemacht hat, hochtoupiert wie damals, als sie noch das Loft am Nollendorfplatz und den Titel Grandma of Punk führte. Die jüngere Szene, also die Wir-um-die-vierzig, immer dabei gewesen, klaro, Ramones schon damals in New York gesehen, wartet erst mal ab, bisschen peinlich berührt, weil „Gabba Gabba Hey“ dann wirklich losgeht wie ein, na ja: richtiges Musical. Die Band, Forgotten Idols mit Chaos am Bass und Stefan Fiebig an der Gitarre, spielt hinter einer Art Leinwand ein bisschen wie die Ramones, schemenhaft, davor Super-8-Bilder aus New York, und am Bühnenrand singt Judy oder Suzy, ist ja auch egal, ganz und gar nicht wie Joey.

Two. Ojemine. Die so genannte Story. Erdacht in Australien, hier in der deutschen Fassung. New York, 1979. Punky Doug (Jürg Plüss) flippt in der High School aus, pogt mit Gummigitarre und Fluppe herum. Lehrerin sauer, Direktor empört, Doug fliegt raus. Doug drogt. Macht Sheena (Katja Götz) einen Antrag, vergisst aber ihren Geburtstag. Sie haut mit der Republikaner-Footballer-Dumpfbacke Brad ab, um Doug zu ärgern, der jetzt auch zu Hause rausfliegt, in einer Tuntenbar something in his Drink getan bekommt, auf dem Strich landet, von Nazis verhauen wird. Sheena liegt mit Brad im Bett, er im Sportdress, sie in Bondage- Karo-Hose, alles voller Stars and Stripes, als im Fernsehen die Meldung kommt: Sid Vicious tot. Sie: Was macht jetzt Doug? Rennt weg, trifft ihn, überbringt die traurige Nachricht. Er: Dann habe ich jetzt ja nur noch dich! Küsschen, Küsschen, Happy End. Sabbel Sabbel Hey. Währenddessen wird Song um Song von den Ramones vorgetragen und auch einer von Louis Armstrong. Doch jetzt geht’s erstmal ab.

Three. Machen die sich über uns lustig? Oder über sich selbst? Na beides! Zusammenbrechen würde man doch, hörte man solche Pseudoteenieszenedialoge wie hier im Zustand einer gewissen Ernsthaftigkeit. No fun! Und jetzt wippen sie ja auch vor der Bühne und klatschen, gar nicht mehr cool, johlen, pfeifen.

Die Band legt noch einen drauf, alleine. Stefan Fiebig darf vorher zwischendurch mal Johnny Thunders spielen. Als Moralengel mit schwarzen Flügeln. Tommy Ramone darf sich selbst spielen, kommt aber erst nach dem Ende auf die Bühne getapert. Er ist angeblich so eine Art musikalischer Berater. Tommy war der erste Drummer der Ramones und ist der Einzige von damals, der noch lebt. 1979 war er schon nicht mehr dabei, heutzutage zupft er auf der Wanderklampfe herum. Er sieht lustig aus und winkt ins Volk. Jörg Buttgereit winkt auch. Sonst dreht er Splatterfilme, jetzt ist er Musicalregisseur. So einfach geht das. Einfach mal machen! So wie die singenden Schauspielerdarsteller auch. Das ist doch Punk, oder? Deshalb passt das doch auch, nicht wahr?

Four. Zacher! Der muss hier noch rein. Rolf Zacher ist eingesprungen für Martin Semmelrogge, auch angeblich, weil der mal wieder im Knast sitzt, wegen Fahrens ohne Führerschein wahrscheinlich. Semmelrogge hätte gepasst. Aber Zacher erst! Er ist Direktor, Stiefvater, schleimiger Barkeeper, springt, ruft, ätzt – klasse. Einen blinden Vietnam-Veteranen spielt er auch, die Szene vollgekitscht mit Brückenbildatmo und Ölfasspapierwindflatterfeuer, dazu, ja: „Wonderful World“, gemeinsam mit Doug in der Hart-und- schnell-Version von Joey Ramone, der das als Todkranker noch aufgenommen hatte. Trash, charmingly.

Hey ho, let’s go? Aber unbedingt!

„Gabba Gabba Hey“, bis 22. Mai im Columbia Club, täglich um 20 Uhr, Fr und Sa 19.30 Uhr

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