Kultur : Onkel Heinz

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FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel hat auf dem Bildschirm

das Grauen gesehen

Das Fernsehen ist das Medium der kleinen Leute, und so sieht es auch aus. Es entspricht dem Geschmack des Publikums, und selbst wenn man bedenkt, dass das Publikum aus Millionen Individuen besteht, so bleibt doch unübersehbar, dass dessen Geschmack Ihrem und vor allem meinem sehr häufig nicht entspricht. Der Geschmack des Publikums ist einfach anders (manche meinen: schlechter) als der unsere.

Es gab niemals in der Geschichte der Menschheit eine solche Situation, dass die Masse ihren Geschmack in dieser Genauigkeit und in diesem Umfang abgebildet sah, und damit tun sich diejenigen, die sich nicht zur Masse zählen, naturgemäß schwer. Der Intellektuelle in Gestalt von Onkel Heinz zum Beispiel, der ja gerne die Massen erziehen will und sich für etwas Besonderes hält. Kompliziert wird das Ganze nun dadurch, dass sich die kleinen Leute gelegentlich selber für etwas Besonderes halten, und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Aber die Situation des Klassenkampfs, die Onkel Heinz erlebt, wenn er fernsieht, wird dadurch nicht verändert. Das Fernsehen ist das Medium und der Triumph der Massen – Hinz sieht Kunz und erkennt sich in ihm wieder. Zumeist wohlgefällig, aber auch wenn Hinz an Kunz in Gestalt von Stefan Raab oder Johannes B. Kerner herumnörgelt: Pack kritisiert sich, Pack amüsiert sich. Es ist alles eine Bagage. Fast möchte man das Argument dahingehend verschärfen, dass alles, was im Fernsehen auftaucht, dadurch bereits entwertet wird. „Aspekte“ wäre demnach Geschmacklosigkeit für Leute mit Großem Latinum, aber geschmacklos bliebe es trotzdem.

Grinsende Dickmilch

Starker Tobak, finden Sie. Aber wenn Sie ehrlich sind, geht es Ihnen häufig auch so wie Onkel Heinz. Wer fernsieht, fühlt sich oft sehr einsam, ist oft sehr abgestoßen: von den schunkelnden, schwitzenden Kleinbürgern in ihren Freizeitklamotten, den Schreiern und Klatschern im Sportstudio. Höllischer noch die BohlenVisage mit ihren bleckenden Zähnen in der Dickmilch-Reklame; das flotte Werbe-Muttchen mit Schürzchen im Knoggi-Kochstudio, Tütensoße in die Auflaufform gießend; die nuttigen Moderatorinnen von Schlüssellochsendungen im Vorabendprogramm – alle diese Ausgeburten sind ja erfolgreich und beliebt, Fleisch vom Fleisch des Publikums, das sich so sieht und so sehen will. Diese Mischung aus Kindergeburtstag, Vulgarität und Infamie, wofür bisher die „Bild-Zeitung“ stand, hat nun im Fernsehen seine höchste Stufe erreicht, und im italienischen TV lacht uns die Zukunft an: als grinsender Berlusconi mit Titten.

24-Stunden-Klassenkampf

Für meine Beispiele können Sie gerne andere einsetzen. Ich will darauf hinaus, dass ein Gefühl der Fremdheit, dass der Wunsch, mit diesem Pack nichts zu tun haben zu wollen, Onkel Heinz beim Fernsehen immer häufiger überkommt. Ein Zeichen, dass er alt und verbittert wird? Im Fernsehen feiern die Massen sich selbst. Nie werden sie sich für das interessieren, was Onkel Heinz und mir wichtig ist – das ist nun einmal so, daran ist nichts zu ändern, aber es schmerzt doch, macht manchmal sogar wütend. Fernsehen ist Klassenkampf von unten, auf Dauer gestellt, 24 Stunden am Tag, und die bürgerliche Gesellschaft, also Sie und ich, schaut staunend, befremdet, angeekelt und lüstern zu.

In meinem Bekanntenkreis gibt es einige, die keinen Fernseher besitzen; das ist eine Möglichkeit, sich den Pöbel vom Leibe zu halten, aber ich finde sie albern. Und die Ressentiments, die diese Leute gegen die Massen haben, sind eher größer als die meinen. Anders gesagt: Der Fernseher ist für mich das Fenster zur richtigen Welt. Dass die mir zumeist nicht gefällt, ist ja nichts Ungewöhnliches, das geht Ihnen genauso.

Der Bildschirm als Therapie

Im Unterschied zur realen Welt, zu wirklichen Menschen auf den Straßen, die definitionsgemäß unangenehm sind, bietet das Fernsehen immerhin den Vorteil, dass ich meine Asozialität in sozial verträglicher Form erlebe und auslebe: Wenn ich irgendwelchen Fernseh-Talkshow-Gesichtern höhnische Kommentare entgegenschleudere, kriegen sie es nicht mit, kränke ich niemanden wirklich. Allenfalls mich selbst, wenn ich bestürzt innehalte und mich frage, woher diese Verachtung, dieser Ekel kommt. Bin ich einfach ein fieser Möpp? Das Selbstbild des coolen Betrachters, des Demokraten und Volksfreunds zeigt jedenfalls Sprünge, und im Spiegel des Bildschirms erblicke ich jemanden, der mir nicht sonderlich besser gefällt als die Menschen in den Fußgängerzonen, im Fernsehen.

Aber auch wenn ich meinen kleinen Bocksgesang nun abschwellen lasse, mich ob meines elitistischen Wutanfalls sogar ein wenig schäme – entschuldigen werde ich mich dafür nicht! Das musste mal gesagt werden, findet der Onkel Heinz in mir, und ich habe in Notwehr gehandelt!

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