Kultur : Onkelchens Traum

FORUM „A Walk into the Sea“ entdeckt die Abgründe in Warhols Factory

Nicola Kuhn

Andy Warhol war ein Superstar, der bedeutendste Pop-Art-Künstler – und ein Vampir. Die Augen hinter dunklen Brillengläsern ließen das bereits vermuten, Esther B. Robinsons Film über ein verstoßenes Mitglied der Factory bringt Licht in diese Finsternis. Die Factory war Warhols Künstlerfamilie, sein Ideengenerator, sein Nest. In dieses Gespinst aus Beziehungen, kreativen Inspirationen geriet 1965 der 27-jährige Danny Williams, nachdem er sein Harvard-Studium abgebrochen hatte, um Filmemacher in Manhattan zu werden.

Seine Spur verliert sich schon im darauffolgenden Jahr, als er nicht mehr Warhols Gefährte ist, aus dessen Wohnung in ein Hinterzimmer der Factory umziehen muss und der Rest der Entourage auf seine einsetzenden Erfolge eifersüchtig zu werden beginnt. Verzweiflung, Drogen und eine letzte Fahrt zum Meer – Williams, der Außenseiter, wäre längst vergessen, hätte nicht seine Nichte nachgeforscht. Das Ergebnis ist eine berührende filmische Spurensuche im Kreise der eigenen und der New Yorker Künstlerfamilie unter dem Titel „A Walk into the Sea: Danny Williams and the Warhol Factory“.

Aus dem Off hört der Zuschauer die Stimme Esther Robinsons am Telefon, die immer wieder frühere Weggefährten nach Erinnerungen an ihren Onkel fragt. Die Antworten sind ausweichend, vage. Zu sehen sind Ausschnitte aus Danny Williams’ Experimentalfilmen, ähnlich tastend nach Licht im Dunkeln, vor allem Reflexe auf wogender See. Je mehr der Betrachter von der Geschichte des Vermissten erfährt, desto mehr schneiden die Bilder ins Herz. Williams, das ist nicht zu übersehen, war ein Ausnahmetalent. Deshalb übergab Andy Warhol ihm immer wieder die Kamera, deshalb machte er ihn zum Verantwortlichen für die bahnbrechende Lightshow der Factory-Band Velvet Underground. Je länger der Film dauert, desto deutlicher steht der Vorwurf im Raum, dass Warhol diese Begabung für sich ausbeutete. Auf die Nachricht von seinem Verschwinden und die Fragen der Mutter reagierte er mit Gleichgültigkeit.

Doch diese Lesart des Films ist zu einfach, denn zugleich feiert er die Wiederentdeckung eines vergessenen Mitglieds der Factory, das einen ganz eigenen Blick auf die Künstlerfamilie hatte. Williams fing die Exaltiertheit der Schauspielerin Edie Sedgwicks flirrend ein, rauschhaft die energiesprühenden Auftritte Gerard Malangas als Sänger, heute nur noch ein müder Mann. In die Trauer um ein verlorenes Talent mischt sich wachsende Begeisterung für die wiederaufgefundenen Filme im Warhol-Nachlass des New Yorker Museums of Modern Art. Drei von ihnen werden frisch restauriert auf der Berlinale zu sehen sein.

Im 20. Todesjahr wird auch der Meister selbst gewürdigt, der bei allen vampiristischen Zügen einflussreich wie kaum ein anderer Künstler war. Das Forum zeigt seine strengen, statischen Filmanordnungen, darunter auch „The Closet“ (1966), Warhols ersten mit Nico gedrehten Film. Das blonde Model aus Köln, zugleich Sängerin von Velvet Underground, sitzt mit dem blutjungen Randy Bourscheidt 66 Minuten lang in einem Schrank. Eine kuriose Ausgangssituation, denn der Bursche windet sich die ganze Zeit vor Verlegenheit, gleichzeitig bleibt er merkwürdig unberührt von den Neckereien der Schönheit neben ihm. Dazu muss der Betrachter allerdings wissen, dass „coming out of the closet“ im Englischen das öffentliche Eingeständnis von Homosexualität bedeutet. Bourscheidts Stimme ähnelt verblüffend der Warhols.

Heute 13.30 Uhr (Cubix 7), 13. 2., 14.45 Uhr (Arsenal)

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