Online-Industrie : Wie sich das Kino mit Chinas Zensur arrangiert

Filme werden immer mobiler: In Hongkong boomt die Online-Industrie – und das Kino arrangiert sich mit Chinas Zensur.

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Offener Protest. Das Camp der Hongkonger Occupy-Anhänger gibt es seit Mitte Oktober. Das dortige Filmfestival zeigt dazu die Dokumentation „Days After N Coming“. Fotos: HKIFF
Offener Protest. Das Camp der Hongkonger Occupy-Anhänger gibt es seit Mitte Oktober. Das dortige Filmfestival zeigt dazu die...

Hongkong ist ein guter Ort, um etwas über die Zukunft des Films zu erfahren. Hier ist sie längst Gegenwart, hier boomt die Online-Industrie, und weil direkt vor der Tür im Riesenland China tausende Kinos gebaut werden, herrscht Goldgräberstimmung. Trotz der Zensur, deren lange Finger aus Peking auch die Hafenstadt am südchinesischen Meer erreichen. Und obwohl der Hongkong-Film (Martial Arts! Bruce Lee! ) seit 1997, seit dem Handover des Weltfinanzzentrums nach der Doktrin „Ein Land, zwei Systeme“ einen dramatischen Niedergang erlebt hat.

Knapp eine Milliarde Mobilfunknutzer gibt es in China, 500 Millionen nutzen das Internet, Tendenz steigend. In der Sieben-Millionenstadt Hongkong sind doppelt so viele Handys und Smartphones in Gebrauch, wie es Einwohner gibt. Ihre Nutzer wollen nicht nur kommunizieren, sondern auch unterhalten werden: 263 Millionen Chinesen schauen sich pro Monat 19 Milliarden Online-Filme an, 73 pro Person. In Hongkong sind es monatlich 163 – nur die Japaner toppen das noch.

Wenn Xinyu Huang vom Marktforschungsinstitut comScore solche Zahlen nennt, sieht man in seinen Augen förmlich die Dollarzeichen aufblitzen. Was für ein gigantischer Markt! Was für ein Wachstumspotenzial! Produzenten qualifizierter Download-Inhalte, vom Musikclip über die Miniserie bis zum Video-on-Demand, können ein Vermögen verdienen. Und dem Rest der Welt vorturnen, wie sich die technischen und rechtlichen Probleme des digitalen Zeitalters profitträchtig lösen lassen, sprich: wie man die Netzkundschaft ans Bezahlen gewöhnt. Die Zukunft des Films, wie sie sich auf dem Hongkonger Filmmarkt und dem noch bis 5. April laufenden Filmfestival präsentiert – sie hat zunächst Warencharakter.

Die Stände der Miniserien-Produzenten nehmen auf dem Filmmarkt jedenfalls erheblichen Platz ein. „Panda in 3-D – 26 Episoden à 13 Minuten“, „Cheong Fun Boy – 104 Episoden à 15 Minuten“, schreien die Plakate. Manga-Mädchen, Kung-Fu-Animationen und Spion-Pinguine versprechen schnelles Entertainment für die Kids und das Kind im Geschäftsmann, unterwegs wie zu Hause. Regrediert der moderne Mediennutzer, infantilisiert sich die Netzgemeinde? Ach was, wie seine analogen Vorfahren will der vernetzte Mensch auch nur spielen – sobald sein Terminkalender eine Lücke lässt.

Die Filmkunst blühte schon immer im Schatten der Unterhaltungsindustrie, das ist im Netz nicht anders. Das Festival präsentiert vier Mikrofilme unter dem Titel „Beautiful 2012“, eine Gemeinschaftsproduktion mit Youku, der chinesischen Variante von Youtube. Vier für die InternetAuswertung gedrehte Kurzfilme von asiatischen Autorenfilmern wie dem in Taiwan arbeitenden Exzentriker Tsai Ming-Liang und der Hongkongerin Ann Hui, die bei den Asian Film Awards gerade für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Ann Hui schildert die Nöte eines transsexuellen Familienvaters vor seiner Geschlechtsumwandlung (auch eine Art Handover). Tsai Ming-Liang lässt einen Zen-Mönch in Zeitlupe durch die Geschäftsstraßen von Hongkong Island laufen, eine poetische Protestnote gegen das Turbotempo der Wachstums-Apologeten. „Online-Plattformen sind eine wichtige Strategie, um die Leute in Kinos zu locken“, sagt Festivalchef Roger Garcia. Trotz des Baubooms in China muss für das Kino als kulturellen und sozialen Ort geworben und das cinephile Publikum von morgen herangezogen werden. 90000 Besucher zählt das Festival jährlich.

So fördert die Industrie ihre eigenen Kapitalismuskritiker, nach dem Motto: If you can’t beat them, join them. Die Reihe „Hongkong Panorama“ zeigt den Dokumentarfilm „Days After N Coming“ über die Hongkonger Occupy-Bewegung, die als eine der letzten der Welt immer noch unter dem Bankgebäude von HSBC campiert. Und beim Mobile Film Festival am Rande des Filmmarkts gewinnt das koreanische iPhone-Video „Money Bag“ den Hauptpreis: eine nachtschwarze Underground-Moritat auf einen Geldtaschenraub und den Teufelskreis der Gier.

Das sind doch keine Filme, sagt Bill Kong, einer der bedeutendsten Produzenten Hongkongs, der Ang Lees oscarprämierten „Tiger & Dragon“ und etliche Werke von Zhang Yimou hergestellt hat. Filme sind und bleiben für ihn Narrative von rund 90 Minuten. Aber wer denkt, der kleine, unscheinbare Mann mit der Mickymaus-Stimme habe die Zeichen der Zeit verpasst, der irrt sich gewaltig. Bill Kong ist einer der Klügsten seiner Branche; längst wandelt auch er auf vielen Distributionswegen, produziert mit seiner Firma Edko Blockbuster, engagiert sich für junge Independentfilmer, verleiht europäische Unterhaltungs- und Autorenfilme in China und betreibt das einzige Programmkino in Peking, in dem asiatische und europäische Klassiker laufen. Mit dem Privatsender Now hat er Mitte März einen PayTV-Kanal für chinesische Filme gestartet, eine Art HBO für die Chinatowns der Welt. „Wir möchten unsere digitale Zukunft selbst kontrollieren“, sagt er. „Noch wissen wir nicht, wie die Leute künftig Filme sehen wollen, aber wir müssen ihnen den Zugang erleichtern.“ Das chinesische Tempo sei immens, das Publikumsprofil ändere sich stündlich: „Was ich Ihnen jetzt sage, stimmt wahrscheinlich nicht mehr, wenn Sie es drucken.“

Ein Beispiel: Bis vor kurzem gingen Studenten in China kaum ins Kino, der Eintritt war einfach zu teuer. Jetzt liegt ihr Marktanteil bereits bei 20 Prozent, die Kinos in Campusnähe boomen.Risikofreudigkeit, Flexibilität und Vielseitigkeit sind die Gebote der Stunde. Das betonen alle, Festivalchef Garcia genauso wie Hongkongs oberster Filmförderer mit dem schönen Namen Wellington Fung Wing. Der fröhliche ältere Herr macht sich nicht allzu große Sorgen um die bedrängte Hongkonger Filmindustrie: „Aus Frust erwächst Kreativität“, meint er pragmatisch. Und dass die Hongkonger mit ihrem offenen Hafen schon immer Weltmeister der Anpassungsfähigkeit gewesen seien. Womit wir bei der Zensur wären.

Die Filmindustrie mit noch rund 50 Filmen pro Jahr (früher war es das Fünffache) kann ohne Koproduktionen mit Festland-China nicht überleben: Die Drehs sind dort schlicht billiger. Wer Geld von Peking will, muss sich die Scripts von der dortigen Behörde genehmigen lassen. „Wir sind schon sehr gut darin geworden, Probleme zu vermeiden“, meint Bill Kong nicht ohne Selbstironie. Der größte chinesische Stand auf dem Filmmarkt präsentiert sich zwar als Pappmaché-Festung, in der für Historienfilme, Kostümschinken und Kriegsepen geworben wird. „Aber das ist nicht unbedingt der Publikumsgeschmack, mit historischen Stoffen lässt sich die Zensur einfach leichter umgehen“, erklärt der Produzent.

Wie lebt es sich damit, nach jahrzehntelanger Erfahrung der Freiheit? „Es sind nur Filme. Die meisten Leute gehen ins Kino, um sich zwei Stunden gut zu unterhalten.“ Auch das klingt pragmatisch: Man arrangiert sich, aber mit gehörigem Selbstbewusstsein. Wie lebt es sich mit der Freiheit im Netz, mit der Piraterie? „Kill them all!“, schimpft Bill Kong. Weniger amerikanische als einheimische Filme werden schon vor der Premiere millionenfach illegal heruntergeladen – diese Freiheit schadet vor allem den eigenen Leuten.

Dass die Quote für ausländische Filme von 20 auf 36 pro Jahr erhöht wurde, sehen viele mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits erhöht es den Konkurrenzdruck, andererseits wird Hollywood sich keine Zensur gefallen lassen – was sie auch für chinesische Filme immer obsoleter macht. Und womöglich prägt auch Hongkong China am Ende mehr als umgekehrt. „Mal sehen, wer da wen beeinflusst“, hofft Filmförderer Fung Wing. Auch Bill Kong ist überzeugt, dass Hongkongs Weltoffenheit China schon jetzt kulturell verändert, auch übers Internet. „Die jungen Leute sehen dort so viele Filme wie Sie, ob legal oder illegal. Und Filme verändern die Wahrnehmung.“

Besonders beliebt beim südostasiatischen Publikum sind romantische Komödien. „Love in the Buff“, der Eröffnungsfilm des Festivals, macht sich aus der angespannten Lage zwischen Hongkong und Peking einen amourösen Spaß. Ein Paar in der Krise, der Mann muss wegen des Jobs nach Peking, er bandelt mit einer sexy-devoten Festland-Chinesin an, weshalb seine Hongkonger Freundin flugs hinterher muss – und am Ende siegt die Nonchalance. Die Gäste der Gala-Premiere amüsierten sich jedenfalls köstlich. Wäre doch gelacht, wenn sich nicht auch der Humor als elegante Waffe gegen die Pekinger Gefahr einsetzen ließe. Kampferfahren sind sie, die Filmleute von Hongkong.

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