Kultur : OP mit Aussicht

Neues Bauen in Berlin: Stephan Höhnes Erweiterung des Krankenhauses im Friedrichshain

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Von Jürgen Tietz

Wenn in Berlin derzeit von Krankenhäusern die Rede ist, läuten angesichts der Finanzkrise der Stadt sowie des Gesundheitswesens die Alarmglocken. Positive Nachrichten sind selten. Aber es gibt sie noch: Heute wird der neue Untersuchungs- und Behandlungstrakt für das Krankenhaus im Friedrichshain eingeweiht; Architekt Stephan Höhne verleiht der historisch bedeutenden Anlage damit eine freundliche Visitenkarte an der Landsberger Allee.

Das Krankenhaus ist als erste städtische Klinik Berlins ein herausragendes Beispiel der Bau- und Medizingeschichte der Stadt; 1868/74 entstand es unter fachlicher Beratung von Rudolf Virchow nach Entwürfen von Martin Gropius und Heino Schmieden - den Architekten des Gropiusbaus. Ihre Planungen sahen lang gestreckte Zeilenbauten in strenger Nord-Süd-Ausrichtung vor. Die einzelnen Pavillons waren nicht miteinander verbunden: Auf diese Weise sollte die Übertragung von Krankheiten verhindert werden. Mehrfach erweitert besaß die Anlage bereits um 1900 eine Kapazität von rund 1000 Betten, auch das Neue Bauen hinterließ mit dem Röntgenhaus des Magistratsbaumeisters Meurer seine Spuren. Im Zweiten Weltkrieg wurden jedoch große Gebäudeteile zerstört, einige davon sind bis heute nur fragmentarisch wieder hergerichtet.

Beim Wiederaufbau zu Beginn der 50er Jahre fiel die Entscheidung für einen zentralen Baukörper im Stile der klassizistisch angehauchten „nationalen Tradition“, wie sie für die Bauten an der nahen Stalinallee charakteristisch war. Der Entwurf für den Krankenhausneubau, der einen Eintrag auf die Denkmalliste verdient hätte, stammte von Hanns Hopp, einem der profilierten Vertreter des Neuen Bauens, der in den 1920er Jahren Königsberg ein modernes Antlitz verlieh und nach 1945 eine zweite Karriere in der DDR erlebte. In dieses komplexe Ensemble aus unterschiedlichen Epochen fügte Stephan Höhne nun den neuen Trakt ein: kein leichtes, aber ein gelungenes Unterfangen. Dabei vermittelt die leuchtend orangefarbene Ziegelfassade Besuchern und Patienten nicht nur ein freundliches Bild, sie nimmt auch die Materialität der Bauteile von Gropius und Schmieden auf. Auf die gelben Ziegelbänder, mit denen die Vertreter der Schinkelschule die Fassaden gegliedert hatten, verzichtet Höhne jedoch. An ihre Stelle treten leicht auskragende Geschossbänder aus dunkelgrauem Beton, die dem Trakt einen ruhigen Charakter verleihen. Doch auch die gelbe Farbigkeit nimmt Höhne auf: gelbe Markisen geben Schutz vor allzu üppiger Sonne.

So deutlich Höhne die Bezüge zum Genius Loci herausgearbeitet hat, so erweist sich sein Neubau zugleich als ein eigenständiger, kubisch reduzierter Baukörper, der gleichwohl Assoziationen an Bauten der 20er Jahre wachruft. Der rückwärtige, sechsgeschossige Erweiterungsbau schließt wiederum unmittelbar an den Bauteil aus den 50er Jahren an. Die Schnittstelle beider Gebäude lebt vom Kontrast: Nur durch eine Schattenfuge voneinander getrennt, stoßen der helle Putzbau und der orangefarbene Neubau aneinander. Auch hier nimmt Höhne Gliederungselemente des Altbaus von Hopp wieder auf und überführt sie in seine eigene Architektursprache. Etwa mit französischen Fenstern in den ersten drei Geschossen oder mit den kleinformatigen Fenstern der oberen Stockwerke, bei denen er die Putzrahmung des Altbaus in Betongewände übersetzt.

Mit dem neuen Eingangstrakt – wie die historischen Zeilenbauten dreigeschossig – entstand außerdem eine repräsentative Empfangssituation für die Klinik. Die großzügige Glashalle erweckt weniger den Eindruck eines typischen Krankenhauses als den einer Hotelrezeption. Ein Tresen aus Kirschholz und der gelb-rote Fußboden aus spanischem Kalkstein schaffen eine gediegene warme Atmosphäre. Mit dieser Herangehensweise erweist sich die Erweiterung des Krankenhauses im Friedrichshain nicht als eine jener quasi autonomen Krankenhausmaschinen, wie sie seit den 60er Jahren auch in Berlin entstanden sind. Stattdessen entwickelt der Architekt ein differenziertes Beziehungsgeflecht zum historischen Bestand, dessen Wirkung sich bis ins Stadtgefüge hinein fortsetzt.

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