Kultur : Opel and me

Thomas Oberender

Der kurzfristig organisierte Demonstrationszug der IG Metall und des Betriebsrates führte gestern von den Opelwerken nicht zum Rathaus, sondern auf den Theatervorplatz des Bochumer Schauspielhauses. Die Veranstalter hatten diesen symbolischen Ort mit Bedacht gewählt. Und plötzlich ist dem Theater, das nach nichts begieriger ist, als dem Leben und dem Rätsel der Macht so nahe wie möglich zu kommen, der reale Kampf ums Überleben unverhofft gegenwärtig. Wie kann ein Theater reagieren auf diesen unspielerischen Ernst der Lage?

Es ist ein Weltgewitter, das sich nun so jäh auch über Bochum entlädt, und dieser Umstand rückt die Probleme sofort in ein anderes Licht. Bochum, das eher ein Beispiel für eine geglückte Transformationsregion darstellte, wird plötzlich eingeholt von der hier bislang eher abstrakten Diskussion um den Standort Deutschland, Hartz IV und die Globalisierungsfolgen. In der Vergangenheit reagierte das Theater auf vergleichbare Einbrüche der Realität in den Übersetzungskosmos der Bühne so, dass die Bretter, die die Welt bedeuten, für eine gewisse Zeit zum schlichten Podium werden mussten. In der Zeit der Studentenunruhen, des Vietnamkrieges oder der Wende in Ostdeutschland verwandelten sich die Bühnen Deutschlands unter dem Druck der aktuellen Ereignisse in Orte der öffentlichen Debatte und Selbstvergewisserung. Die grundsätzliche Exterritorialität der Bühne erwies sich als ein vielleicht letztes, von ganz verschiedenen Seiten gesuchtes Forum der Auseinandersetzung unter dem Vorzeichen von etwas Drittem – der Vernunft- und Aufklärungsgläubigkeit in emotionalisierten Zeiten.

Als öffentliche Institution kann das Schauspielhaus über Nacht eine kostenlose Sondervorstellung von Michael Moores „Roger and me“ organisieren, der am Beispiel von Flint/Michigan zeigt, wie es aussieht, wenn aus Bochum Gelsenkirchen wird. Wir versuchen, ein Opel-Forum ins Leben rufen, auf dem sich Manager von General Motors, die Werksleitung von Bochum, Gewerkschaftsvertreter, Politiker und unabhängige Wirtschaftsexperten öffentlich erklären. Wir können den Demonstranten Suppe und Kaffee ausschenken und unsere Solidarität mit den Arbeitern und ihren Familien ausdrücken. Aber wir müssen auf den Podien des Gesprächs und der Bühne vor allem entzaubern, vor allem den Mystifikationen der einfachen Antworten, den Chimären von Konjunktur und Globalisierungsnotwendigkeiten entgegenwirken und – die unbequemen Dinge zur Sprache bringen.

Würde das Opelwerk tatsächlich geschlossen, bliebe das auch für die kulturellen Einrichtungen der Stadt, unter ihnen das Schauspielhaus, nicht ohne Folgen. Warnend wird auf Städte wie Gelsenkirchen oder Wanne-Eickel verwiesen: Das Gruselszenario leerer Schaufenster, verwaister und abgerissener Wohnviertel und weniger Menschen auf der Straße, die allesamt kein Geld mehr in der Tasche haben, ist hier allgegenwärtig. Der Fall Opel könnte zum Menetekel werden. Auch für das Theater.

Der Autor ist Dramatiker und Chefdramaturg des Bochumer Schauspielhauses.

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