Kultur : "Open Art": Glamour des Zeitgeists

Eva Karcher

Sie sind Prinzessinnen und Pretty Babys, Supermodels und Hollywoodstars. Großäugig strahlen Caroline (von Monaco) und Cindy (Crawford), Julia (Roberts) und Madonna auf den Zeichnungen und Gemälden von Karen Kilimnik, manchmal zwinkern sie einen Wimpernschlag lang, wobei kein Augenfältchen den makellosen Teint kräuselt. Seit Ende der achtziger Jahre dekonstruiert die 1955 in Philadelphia geborene Künstlerin nach Fotovorlagen populäre Ikonen der Schönheit, ihre Lebensräume und Accessoires. In schwarzer Wachskreide umreißt sie Idealsilhouetten, tupft Pferde und Kätzchen in pastelligen Farben auf Papier oder pinselt goldenen Theaterprunk auf Leinwand. Eine Auswahl von Kilimniks analytischen Zeitgeist-Glamour-Szenarien zeigen Philomene Magers und Monika Sprüth in ihren wunderbaren neuen Lofträumen.

Ähnlich internationales Hochniveau beweisen auch einige andere der 65 Galeristen von Münchens 12. Open Art, die an diesem Wochenende die Saison eröffnen. Mit Daguerreotypien des in New York lebenden Malers Chuck Close, 60, trumpft Daniel Blau zum zehnjährigen Jubiläum seiner Galerie auf. Close, berühmt geworden mit detailbesessenen Bildnissen auf Leinwand, griff das alte fotografische Verfahren für Akte wieder auf, die sich, vom Bildrand wie Torsi beschnitten, dem Betrachter auf spiegelndem Grund erst allmählich, dann aber mit allen körperlichen Mängeln preisgeben. Einer der bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauer, der Brite Tony Cragg, ist bei Bernd Klüser mit neuen Bronzeskulpturen zu sehen, Sabine Knust zeigt reizvoll fragile Wandplastiken aus Holz und Zement des New Yorker Bildhauers Paul Wallach, 40, und bei Dany Keller konfrontiert Jochen Gerz 1998 entstandene Fotoserie "Die Zeugen von Cahors" mit deutscher Vergangenheit.

Verstärkt führen Münchens Galeristen aktuelle Positionen vor und adoptieren dafür gerne junge Künstler aus Berlin. So hat Via Lewandowsky, 37, bei Karin Sachs ausrangierte Sportgeräte aus dem Hygienemuseum in Dresden als schauriges Ensemble aus Zucht, Schweiß und Tränen installiert. Dem Körperqualsortiment aus Barren, Bock und Sprossenwand korrespondieren zwei Leuchtkästen mit Großaufnahmen einer ausgemergelten Nachwuchsturnerin und eine vom Künstler konstruierte Freitodmaschine. Echte "Global Players" wie Natascha Sadr Haghighian, 33, Judith Hopf, 31, und Gabriele Worgitzki, 27, dagegen verwandeln selbst Kasteiung in Fun. Bei Barbara Gross führen die drei Ex-Studentinnen der Berliner Professorin Katharina Sieverding leise raschelnde schwarze Müllsäcke vor, omnipräsent auch in der hintersten Ecke der Welt, daneben gesellschaftsunfähige Monster à la Frankenstein und mit einer Lochkamera fotografierte, zum atmosphärischen Video überblendete "Slow-tech"-Aufnahmen der Stadt Winnipeg in Kanada. Mit "Splashes", Flecken, die er aus Styrodur ausschneidet und mit Epoxidharz trendig bemalt, macht der Wahlberliner Dieter Detzner, 30, nun auch in der Galerie Tanit Karriere. Ebenfalls bei Tanit kokettieren kleinformatige Arbeiten des New Yorker Künstlers Cordy Ryman, 29, mit ihrem Zwitterwesen aus Malerei und Objekt, während der in Paris lebende Australier Tim Maguire, 42, in der Galerie Andreas Binder Riesenleinwände wahlweise figurativ oder monochrom in einer Technik bemalt, bei der die Farben separat übereinander aufgetragen werden.

Malerei in Reinform bieten Six Friedrich und Lisa Ungar mit dem Österreicher Siegfried Anzinger, 47, der neue, rätselhaft-melancholische Bilder von Madonnen zeigt. Großformatige Flusslandschaften und Küstenbilder des in Düsseldorf lebenden Fotografen und früheren Bernd Becher-Meisterschülers, Elger Esser, 33, kombiniert Rüdiger Schöttle mit der neuen Videoarbeit "Duets" von Candice Breitz, 28. Die Künstlerin, die in New York lebt, schnitt Musikvideos von Popstars wie Annie Lennox und Whitney Houston zu 6-Sekunden-Loops des hoffnungslosen Leerlaufs eines im Dauerkonsum verhafteten Begehrens. Bei Oliver Schweden verwandelt die kanadische Fotografin Myriam Babin, 32, schäbige Motelzimmer durch raffinierte Blickwinkel in Orte der Verheissung. Galerist Mathias Kampl lud gar Peter Weibel, den Direktor des ZKM in Karlsruhe ein, mit "Wegwerfbotschaften" in original Münchner Straßenpapierkörben auf die verbreitete Ignoranz gegenüber statistischen Hiobsbotschaften aufmerksam zu machen. Als Bonbon des Eröffnungswochenendes angekündigt: Multimediale Installationen junger Künstler im Maximiliansforum. Und natürlich: Party! Heute!

0 Kommentare

Neuester Kommentar