„Open Spaces“ in der Tanzfabrik : Tanzrevolte

Junge Choreografen zeigen beim „Open Spaces“-Festival in den Uferstudios ihre Arbeiten. Die ersten Premieren arbeiteten sich an der Russischen Revolution ab.

Die Tänzer und Tänzerinnen des Projekts „Neverendings“
Die Tänzer und Tänzerinnen des Projekts „Neverendings“Foto: Tanzfabrik

Der 100. Jahrestag der Russischen Revolution rückt näher – und damit der Jubiläumsmarathon zum historischen Ereignis. Der Choreograf Sergiu Matis und seine sechs Performer, die zur Eröffnung der Sommerausgabe von „Open Spaces“ in den Uferstudios ihr zweiteiliges Projekt „Neverendings“ zeigten, bilden da gewissermaßen die Vorhut. Ein Reality-TV-Sender zeichnet die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Oktoberrevolution auf – dies ist die Rahmenhandlung. Maria Walser und Jule Flierl stehen anfangs vor einer Wand aus Pappkartons, mit Stimme und Körper zetteln sie einen Aufruhr an. Eine Aufbruchsstimmung wird spürbar, und bald ist die Mauer durchbrochen und die Zuschauer strömen in den Saal.

Matis, der in Rumänien aufwuchs, kennt den Sozialismus aus eigener Erfahrung. Dem sowjetischen Experiment nähert er sich mit den Mitteln der Performance, doch er hat auch die Texte geschrieben, die direkt Bezug nehmen auf die historischen Begebenheiten. Die Tänzer, die zunächst versprengt durch den Raum irrten, vereinen sich zum Sprechchor, singen Lieder, zitieren ein Majakowski-Gedicht – und wechseln bald ins Englische. Von Lenin und Stalin bis zu Pussy Riot reichen die Verweise. Die Helden der Oktoberrevolution werden ausgiebig gepriesen, dabei macht Matis auch ironische Anleihen bei der Propagandakunst. Die Glorifizierung weicht der Erinnerung an die Gräueltaten der Bolschewiken. Die Performer stehen mit den Füßen in blutroter Farbe und versuchen vergeblich mit Schrubbern, die Lachen auf dem Boden zu beseitigen. Die Textgewitter, die den Zuschauern um die Ohren gehauen werden, sind nur teilweise verständlich. Verschiedene performative Strategien werden durchgespielt, was nicht immer fesselnd ist. Doch wie die tanzenden Genossen Ironie mit einem aufrührerischem Elan verbinden, ist toll.

Später wird es albern

Bei Karol Tyminski liegt dann schon alles in Trümmern. Der polnische Choreograf nimmt in „Church of Non-Divine“ die postreligiöse Gegenwart in den Blick. Drei Performer in weißen Overalls schleppen Stapel aus Ziegelsteinen und rackern sich ab, um etwas aufzubauen, sich ein festes Fundament zu schaffen. Doch alles stürzt wieder ein. Die rohen Aktionen der Tänzer, dieser Helden der Arbeit, sind schweißtreibend und werden immer absurder. Der letzte Teil der Performance ist dann eher befremdlich. Kasia Wolinska und Mike O’Connor ziehen sich aus und bestreichen ihre Körper mit rosa Farbe. Sie vollführen eine Art Sex-Gymnastik, die der Choreograf mit einer neongrünen bestrahlten Fontäne krönt. Wenn der Bautrupp hier seine eigene Kirche gründet, wird es albern.

Die Reihe „Open Spaces“ gibt noch bis 28. Juli Einblicke in das Schaffen junger Choreografen.

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