Kultur : "Open Your Ears" - Alchimist und Rattenfänger

Carsten Niemann

Sonntag Nachmittag. Vor den Stufen des Schauspielhauses wuseln Schülerscharen, Lehrer mit Konzertkarten in der Hand zählen ihre Schäfchen. Grund für den Rummel: Das Konzerthaus Berlin hat unter dem Motto "open your ears" zu einem speziell für junge Leute ausgerichteten Konzert mit neuer Musik geladen. Dabei liess man sich nicht lumpen: Kein geringerer als der längst zu Fachlexikonwürden aufgestiegene Posaunist und Komponist Vinko Globokar steht mit zehn Musikerkollegen bereit, um die Jugend mit Ausschnitten aus seinem Improvisations-Stück "Laboratorium" zu konfrontieren.

Dabei erweisen sich Globokar und seine Leute gleich zu Beginn als neutönendene Rattenfänger. Kaum sind die vierzehn schweren Kronleuchter herabgedimmt, steigt der Oboist Thomas Indermühle in den Saal, unablässig einen Ton spielend. Und als man sich belustigt fragt, warum ihm dabei nicht irgendwann die Puste ausgeht, beginnt Globokar in gebrochenem Deutsch und mit skurillem Ernst das Phänomen der zirkulären Atmung zu demonstrieren: Erst mit Strohhalm und Wasserglas, dann mit einem aberwitzig virtuosen Posaunensolo.

Dann schlägt die Stunde des Pädagogen: Moderator Habakuk Traber betritt die Bühne und erläutert die Idee von Globokars "Laboratorium". Jeder Abschnitt des auf Improvisation beruhenden Stücks ist ein Experiment über eine einfache musikalische Grundsituation. Was passiert, wenn ein Schlagzeuger Wörter durch Klänge zu imitieren versucht? Wie klingt es, wenn ich mein Instrument beim Spielen in kleine Teile zerlege?

Der Moderator spricht schnell: Er weiss, dass er dabei ist, Wasser aufs Lagerfeuer zu gießen. Sein Amt ist es, das Stück in den historischen Kontext einzuordnen. Was er nicht sagt, muss man selber spüren: Dass dieses Laboratorium keine Klangwerkstatt ist, in der Männer in weissen Kitteln zum Wohle der Menschheit nützliche neue Klänge erfinden. Nein: Globokar ist ein Alchimist, und sein Laboratorium ist eine Hexenküche, in der in rauchenden Töpfen höchst zweifelhafte Mixturen zubereitet werden. Reines Gold nur für den, der den ungehemmten musikalischen Spieltrieb als lebenswichtig empfinden kann.

Eine gute Idee daher, dass auf einer Viedeoleinwand der Blick für die sprachlich schwer zu vermittelnden Details der Aufführung zu sehen sind: So sind selbst vom ersten Rang aus die Metallpättchen zu erkennen, mit denen die Musiker auf die Saiten des Konzertflügels eindreschen, und man wird aufmerksam auf das ekstatisch stampfende Bein der Teufelsgeigerin Mifune Tsuji.

Eine gute Stunde dauert der Spuk. Das jugendliche Publikum lauscht erstaunlich konzentriert. Ob es "Kult" werden wird, sich Konzerte mit neuer Musik im Konzerthaus reinzuziehen? Vielleicht nicht - aber beeindruckte Gesichter hat der Kritiker beim Hinausgehen einige gesehen.

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