Kultur : Oper: Alle Engel singen

Carsten Niemann

Noch ein paar Aufführungen wie diese, und wir könnten eine Szene für Kunju-Opern in Berlin aufmachen. Kein halbes Jahr ist es her, dass die Berliner Festspiele in ihrem neuen Haus den "Pfingstrosen-Pavillon" vorstellten, Xian-zus grossartiges, 18 Stunden währendes Mammutwerk. Jetzt gastierte das Kunqu-Ensemble aus Shanghai mit "Das Lied der Pipa" am gleichen Ort. Faszinierend auch hier die exotische Fremdheit: der einstimmigen Musik, der zeremoniellen Bewegungen, der bunten Kostüme mit ihren wehenden Ärmeln, der blumigen Sprache, der fantasievollen Höflichkeitsformeln der Qing-Dynastie.

Nicht minder faszinierend allerdings, wie leicht wir uns in dieser Opernform zurechtfinden. Da sind einmal die Figuren: Das heruntergekommene Pipa-Mädchen, einst gefeierter Star auf ihrem lautenähnlichen Instrument, wurde an einen Teehändler und Kunstbanausen verheiratet, dem ihr Spiel mächtig auf die Nerven geht. Uns aber können ihre fast arienhaften Trauergesänge so unmittelbar rühren wie den Dichter Bai Juyi, der in der Oper prompt ein "600 Zeichen langes" Gedicht über ihr Schicksal schreibt. Unmittelbar verständlich und effektiv auch die durch und durch theatralischen, zeichenhaften Gesten, mit denen die Darsteller Trauer, Überraschung, Zorn, aber auch ihre gesellschaftliche Stellung gegenüber den anderen Personen zum Ausdruck bringen.

Hier hat sich eine Kunst der theatralischen Darstellung erhalten, die in der westlichen Kultur verloren zu gehen droht und etwa im Barockopernbereich erst wieder mühsam erlernt werden muss. Die durchwegs überzeugenden Darsteller des Shanghai Kunqu-Ensembles reichen in Geschmeidigkeit und Adel der Bewegungen zwar nicht ganz an die Darsteller des "Pfingstrosen-Pavillons" heran. Dennoch gaben sie ein starkes Plädoyer ab: für ein Musiktheater, das kein exotischer Zirkus ist, sondern ein Kulturerbe, dessen unverbrauchte Stoffe und literarische Qualität es für uns zu entdecken gilt.

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