Kultur : Oper am Klavier

Felix Losert

Wie aus dem Ei gepellt thront sie am Morgen danach im Four Seasons Hotel, perfekt frisiert, perfekt geschminkt, perfekt gelaunt - und glänzt mit Daten und Fakten: Montserrat Caballé, die netteste Primadonna der Welt. Am 24. Juni feiere die Verfilmung ihres Lebens Kinopremiere, im Berliner Zoopalast, weil sie Deutschland als Sängerin so viel zu verdanken habe; exakt 178 Kilometer seien es von Barcelona bis ins Fürstentum Andorra ("meine große Liaison"), wo diesen Mai bereits zum vierten Mal ein nach ihr benannter Internationaler Gesangswettbewerb stattfindet; in Andorra selbst übrigens gebe es 277 Kilometer Skipisten; und am 12. April, ja, da werde sie 69 Jahre alt. Ob sie denn so gar nicht ans Aufhören denke? Schallendes, sehr ansteckendes Gelächter: "Ich sehe mich nicht in der Wartekammer." Und im Übrigen hätte Singen weniger mit Kraft zu tun als mit einer soliden körperbewussten Technik.

Obwohl sie mit einem weitgehend hit-abstinenten Programm aufwartete, war es der katalanischen Sopranistin am Ostermontag mühelos gelungen, die Philharmonie zu füllen. Das Label Caballé genügt offenbar, um sich mit einem leichtgewichtigen Medley zufrieden zu geben, mit kurzen Barock-Arien, Melodien von Massenet und Leoncavallo sowie einer Hand voll Zarzuela-Stücke - alles am Klavier.

Caballés Begleiter Manuel Burgueras kam seiner Aufgabe, die Sängerin beim Gang auf das Podium zu stützen, mit weitaus mehr Charme nach als der undankbaren Pflicht, das fehlende Orchester zu ersetzen. Klar, dass in solcher Atmosphäre wenig interessiert, ob Phrasen gestaltet werden oder die kleinen Soloszenen gar einen musikalisch-dramatischen Bogen erhalten. Mit den Resten der Caballé-Stimme ist die Belcanto-Linie in einer Arie des Bellini-Kollegen Vaccai freilich ebenso wenig zum Leben zu erwecken wie die feingliedrige Eleganz in den Stücken von Massenet. Mit sichtlich großer Konzentration versuchte Caballé, ihre Kurzatmigkeit und die Brüchigkeit ihres Organs in den Griff zu bekommen. Dazu gehörte, dass sie vieles nur mit halber Stimme sang. Die Kraft sparte sie sich auf für einige in der Tat wirkungssicher platzierte und mit Energie festgehaltene Spitzentöne.

Zum guten Schluss ein kleines Wunder: Nach stehenden Ovationen fiel mit einem Mal alle Anspannung von der Diva ab, und sie kündigte beschwingt ihre Zugaben an. Und siehe da: War sie zuvor bei Mascagnis weit geschwungenem "Ave Maria" noch gezwungen, mitten in den Phrasen zu atmen, entströmte ihr nun mit ausdrucksvollem Legato das "Oh, mio babbino caro" aus Puccinis "Gianni Schicchi".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben