Oper : Arte blamiert sich mit „Carmen“ im Kino

Menschen, die „Carmen“ mögen, interessieren sich auch für das Liebesleben der Buckelzirpe. Davon scheint man zumindest bei Arte überzeugt zu sein.

Frederik Hanssen

Der Kultursender übertrug am Montag Bizets Oper zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala – nicht nur als TV-Ereignis, sondern auch ins Cinestar am Potsdamer Platz. Daniel Barenboim, Jonas Kaufmann und Netrebkos Gatte Erwin Schrott live im Kino – gute Idee. Doch vor dem Drama strahlt Arte eine Dokumentation über Regenwaldinsekten aus: Warzige Urviecher krabbeln durch den Amazonas, ekelerregendes Getier, auf der Leinwand zu Monstren vergrößert.

Ein Themenabend? Zu Hause zappt man schnell weg, hier werden die Opernfans eine Dreiviertelstunde lang mit einer Mischung aus Loriots Grzimek-Parodie und RTL-Dschungelcamp gequält. Als endlich die Übertragung aus Mailand beginnt, schwärmt die Moderatorin ausgerechnet von Bizets Ohrwürmern!

Maestro Barenboim dirigiert die Ouvertüre – was für ein Schauspiel. Ein paar Grimassen und grimmige Gesten genügen, und der Orchestergraben wird durchpulst von Leidenschaft. Doch was ist das für ein Klang? Wird hier aus der schalldichten Handtasche mitgeschnitten? Dumpfes Mono scheppert aus dem Lautsprecher, immer wieder setzt der Ton aus. Allein die Worte der Moderatorin haben Stereoqualität. Von Emma Dantes Inszenierung sieht man auch fast nichts, die Bühne liegt dauerhaft im Dreivierteldunkel. Statisten wuseln im Hintergrund herum, vorne wird konventionell agiert. Kaufmann ist der perfekte Don José, Anita Rachvelishvilis Carmen ein Pummelchen, macht das aber wett mit vokaler Sinnlichkeit.

Also den Blechbüchsensound noch ein wenig aushalten, wenigstens bis zum Torero-Lied. Erwin Schrott ist der hübscheste Sänger der Welt, die Escamillo-Tessitura aber hat er nicht, stochert herum in der Tiefe, wobei mehr als ein Ton verrutscht. Nie wieder Ohrwürmer im Kino! Frederik Hanssen

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