Oper : Das ist sein Leib

Sehnsucht und Grausamkeit: Der Jesuitenschüler Calixto Bieito inszeniert Wagners "Parsifal" in Stuttgart als Endspiel. Schade nur, dass so durchwachsen gesungen wird.

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Gralssucher, Sinnsucher. Andrew Richards in der Titelrolle, im Bühnenbild von Susanne Gschwender. Foto: dpa
Gralssucher, Sinnsucher. Andrew Richards in der Titelrolle, im Bühnenbild von Susanne Gschwender. Foto: dpaFoto: dpa

Ganz am Ende, nach fünf Stunden, hockt die hochschwangere Kundry auf einem Gepäckwagen der Deutschen Bahn und mampft. Kekse, Cracker, Oblaten – wer will das wissen oder gar genau erkennen. Ihr „letztes Liebesmahl“ offenbar, das Brot, zu dem der Wein noch fehlt, nehmet hin und esset alle davon, das ist sein Leib. Der alte Gurnemanz verteilt unterdessen noch ein paar Dornenkrönchen, flauschflügelige Knäblein hüpfen durchs Unterholz. Und Parsifal steigt – nackt, wie Gott ihn schuf und der Sänger sich nicht scheut – in Amfortas’ schmuddelige Zink-Badewanne, um sich von der Gralsgesellschaft abtransportieren zu lassen. Ein Triumph aus Trash, Kitsch, Katastrophe und jeder Menge Oberammergau. „Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!“, raunt der Chor. Blackout.

Was sich ausnehmen könnte wie das Zerr- und Hassbild aktueller Regietheaterpflege (und von Teilen des Stuttgarter Opernpublikums prompt so quittiert wird), ist sicher eine der bestürzendsten Wagner-Leistungen der vergangenen Jahre. Und auch eine der anfechtbarsten, zumal das dramaturgische Korsett (Xavier Zuber) stets spürbar bleibt, aller Pathosseligkeit zum Trotz. Christoph Schlingensief hatte seinen Bayreuther „Parsifal“ 2004 zu einer Art Mythenmeldestelle (v)erklärt, mit toten Hasen und sonstigem Voodoo; Stefan Herheim schnürte dem Bühnenweihfestspiel fünf Jahre später ebenda einen prallen rezeptionsgeschichtlichen Rucksack, bis hin zur schwärenden deutschen Wunde nach 1945. In Sachen Aufklärung, Glaube, Liebe, Hoffnung schien alles gesagt.

Calixto Bieito nun, Spanier und Jesuitenschüler, begreift den „Parsifal“ als Endspiel, als Ausdruck der menschlichen (männlichen) Lust auf Spiritualität, Transzendenz, Religion, Kunst, kurz: nach geistigem Fressen vor jeder Moral. Seine Gralsgesellschaft verzehrt sich nach nichts so sehr wie nach einem erfüllten Ritual und aufrichtiger Verkündigung. Je weniger Amfortas, der Gralskönig, dies zu leisten vermag, je offensichtlicher er daran zugrunde geht, desto gespenstischer gestaltet sich die Szene: links ein paar regensaure oder atomar verseuchte Baumstammkrüppel, rechts eine geborstene Autobahnbrücke (Bühne Susanne Gschwender). Die Welt als Wüstenei. Der Mensch als geschundene Kreatur.

Die üblichen Insignien einer üblichen zeitgeistigen Ästhetik, wie gesagt. Und dennoch: Wie sich im ersten Aufzug zu „Enthüllet den Gral!“ aus dem Schnürboden eine riesige Plane herabsenkt mit allem, was der Kirchenraub so zu bieten hat (Messbesteck, Leuchter, Madonnen, Kruzifixe, Buddha-Statuen, Judensterne), und wie die „Ritter“ in ihren Schmuddelparkas um diesen Krimskrams rangeln, ihn preisen und liebkosen, das hat in seiner Naivität, seiner Gegenständlichkeit etwas heftig Anrührendes. Sind wir denn alle miteinander so zynisch und blind, dass wir unsere ureigensten Bedürfnisse derart vergessen und verneinen konnten? Ist Gott wirklich tot?

Bieito aber geht noch weiter. Selbst wer sich nicht anfassen lassen will vom Appellcharakter, von der Brecht’schen Botschaftlichkeit des Geschehens, der kann sich dem Finale dieses ersten Aktes kaum entziehen. Das Abendmahl, der rituelle Vollzug und Trost wird verweigert. Amfortas kann es nicht, das ist seine Wunde (weshalb Parsifal ihm im dritten Akt Klingsors Speer in den Leib rammt, auch Totschlag ist Erlösungswerk). Und weil sie das ihrerseits nicht mehr ertragen, wehren sich die Geschundenen und Beladenen.

In der besagten Plane finden sich zugleich allerlei Pappen, Plastikfolien, Peace- und Verkehrsschilder. „Selig im Glauben“ steht darauf, „Rette mich!“, „Führe mich!“, in vielen Sprachen, und „Wo ist Gott?“ Derart bewaffnet schreitet das Gralsvolk an die Rampe, blickt stumm in den Saal, wie einst bei Patrice Chéreaus „Götterdämmerungs“-Schluss vor 34 Jahren in Bayreuth. „Durch Mitleid wissend, der reine Tor“, frohlockt, nein, bittet und klagt die Altstimme aus dem Off.

Meint Bieito das wirklich ernst? So ernst wie die Haremsmäuse, die zum Karfreitagszauber nach Weihrauch duftende Kerzen in den Saal tragen? So ernst wie die Englein, die nicht nur zur GurnemanzErzählung im ersten Akt die Szene bevölkern? So ernst wie Parsifal, wenn dieser zum neuen Gralskönig gekürt wird?

Der Tor und Retter als sein eigenes Votivbild: Glitzergewand, schneeweiße Schwingen und wie ein Tannenbaum mit Devotionalien geschmückt (WagnerBüste inklusive). Parsifal, sagt Bieito, ist der Erlöser für alle. Und: Jeder kann Parsifal werden. Man muss sich nur trauen, darf nicht zurückschrecken vor Verantwortung und Schuld. Grandios, wie der Katalane hier zwischen Lächerlichkeit und Verzweiflung die Balance hält. Das Pompöse in Wagners Musik ist ja immer auch verdächtig.

Die viel größere Bedrohung als die durch solche Regie erwächst dem Musiktheater freilich aus der Tatsache, dass die musikalische Interpretation im Vergleich zur szenischen immer konservativ bleibt, die Schere zwischen Bühne und Graben also latent wächst (das wäre einmal ein eigenes Nachdenken wert). Sicher, Manfred Honeck und das Stuttgarter Staatsorchester liefern eine bodenständig-diesseitige, klanglich kernige Lesart der Partitur. Die Tempi bleiben flüssig, und die Lautstärken im offenen Graben des einst als Wieland Wagners „Winter-Bayreuth“ gefeierten Hauses halten sich in geschmeidigen Grenzen.

Aber dirigiert Honeck, was er oben sieht, ist er gesamtkunstwerklich davon überzeugt? Manchmal hat man den Eindruck, ja, an den Kulminationspunkten der Partitur, bei „Zum Raum wird hier die Zeit“ oder in den ritterlichen Prozessionen mit ihrem martialischen Glockenschwang und Weihegedöns. Dann vermittelt das Dirigat in der Tat etwas von der Gewalttätigkeit und Brutalität, die dieser Musik auch innewohnt und die die Menschen wie Vieh vor sich hertreibt.

Schade, dass so durchwachsen gesungen wird. Stephen Milling ist ein exzellenter Gurnemanz, sonor und textverständlich; Gregg Baker als Amfortas und Claudio Otelli als Klingsor hingegen bieten nur Mittelmaß; Christiane Iven geht mit der Kundry bei aller darstellerischen Inbrunst an die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten, und Andrew Richards spielt nicht nur einen smarten Parsifal, sondern singt ihn auch so, mit engem, selten heldisch aufblitzendem Tenor.

Wer darauf spekuliert hat, dass Bieito, der unlängst in der „Frankfurter Rundschau“ über seine persönlichen Missbrauchserfahrungen im Jesuiten-Kolleg von Miranda de Ebro berichtet hat, diese Erfahrungen nun explizit nutzen würde, um im „Parsifal“ mit der katholischen Kirche spektakulär abzurechnen, der wurde enttäuscht. So einfach ist das nicht mit den aktuellen Debatten und der Kunst.

Der kleine Junge aber, der im ersten Akt den Schwan macht und erst von Gurnemanz gezüchtigt und anschließend den anderen zum Fraß vorgeworfen wird, gibt davon eine Ahnung. Sich das Liebreizende dieser Welt, ihre Hoffnung, den Frieden und die Liebe einzuverleiben, das begreift man nach dieser Aufführung als einen ebenso grausigen wie zutiefst sehnsüchtigen Reflex. Sich wie Kundry deswegen eigenhändig die Zunge aus dem Mund zu schneiden, ist keine Lösung.

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