Kultur : Oper: Es fährt ein Zug nach Halberstadt

Ulrich Amling

"Als irische Prinzessin verkleidet, entbindet er; sie planen, die Franzosen zu überrumpeln. Er richtet es so ein, dass er von ihr entführt wird; wieder verjüngt, desertieren sie; sie hat ihm zwei Kinder geboren." Klingt idiotisch - doch Sie kennen das! Geben Sie es ruhig zu. Opernhandlungen sind nun mal so, besonders wenn sie von scheinbar argloser Hand in kleine Portionen aufgeteilt und dann per Zufall zu einem neuen Wahnsinnsgeschehen zusammengesetzt werden. John Cage ging so zu Werke, als er seine "Europeras" erschuf - und dabei keine Note und kein Wort selbst komponierte. Aus dem Archiv der Metropolitan Opera suchte er jene Opern heraus, die die Neue Welt erreicht hatten und die kein Urheberrecht mehr schützte. Die Arien sickerten in einzelne Orchesterstimmen ein oder in ein Repertoire, aus dem die Sänger frei wählen können, was sie singen möchten. Mozart auf der Tuba, Wagner auf der Flöte, Verdi auf den Stimmbändern: Dieses Perpetuum mobile läuft in seinen Komponenten völlig unabhängig von einander ab, nichts wird verdrängt, alles dagegen "durchdrungen", wie Cage selbst den utopischen Ansatz seines "circus of independent elements" beschrieb.

Als Zirkusdirektor hat sich der neue Intendant Albrecht Puhlmann den Briten Nigel Lowery nach Hannover geholt. Lowery ist ein Virtuose im Aufspüren des Heillosen in unseren Musentempeln, ein Hochseilartist des apokalyptischen Slapsticks. Wie prallt so einer auf den stoischen Charme der cageschen Zufallsoperationen, wohin geht die Reise, welche Botschaften werden in das vermeintlich intentionslose Kunstwerk eingemeißelt?

Als Ouvertüre reicht man ein Stück vom falschen Opernhasen. Zu Sakralklängen von Satie und vollbrüstigen Mittelalterimitationen schreitet ein Trauerzug durch eine kummervoll graugrüne Halle. Eine Leidensformation wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Tot und unverstanden greift der Zug mit eisiger Hand nach dem Herzen des Zuschauers. Die Opernvampire setzen zum Sprung an. Doch da kollabiert die Szenerie, lässt die hohe Halle in der Unterbühne verschwinden und spült die Trauernden auf den Bahnhof von Hannover. Von dort könnten sie nach Lehrte, Haste oder Halberstadt reisen - doch die Sänger hängen fest, zunächst noch an ihren Kostümen. Weißbekittelte Herren mit Schweißerbrillen manipulieren die Haltlosen, die sich mehr und mehr in Menschen verwandeln, auch wenn sie dabei Merkwürdiges wie "Freunde, das Leben ist lebenswert" singen.

Bilder von Verdi und Wagner werden beschmiert, siamesische Zwillinge brutal mit der Säge getrennt, während im Hintergrund per Video die Zubereitung von Brühwürsten erläutert wird. Nichts soll sich verbinden, keine Aktion mit Musik zu unkontrollierbarer Kraft erstarken, und auch der Macht des Kontrapunkts schwört Lowery ab. So bleibt einiges zu entdecken und nichts zu verstehen - dafür kommt die Freude über den schäbigen Bühnentod der Sängertruppe wirklich von Herzen. Ende Europera 1+2.

Die folgenden drei Teile schmeicheln dem verbliebenen Publikum, denn die feiern sein Opernhaus. Aufwändig wurde das Foyer in eine Baustelle verwandelt, auf den Gerüsten finden sich "tableaux vivants" von zwielichtigen Mönchen, verschlagenen Pagen und irren Liebenden. Ein untoter Bilderreigen, zu dem Schellackplatten knistern und Kunstnebel wabert. Europera 4 platziert die Zuschauer auf der Bühne, während zwei Sängerinnen durchs Parkett streifen und ihre Lieblingsarien singen. Ein Pianist spielt ab und an, die Scheinwerfer surren. Geräusche aus einem Geisterhaus, in dem man sich wohlig einrichten könnte. Bevor Morpheus seine Arme öffnet, geht es hinaus. Hier wird es bunt und schrill - die hochsubventionierte Attrappe eines 80er-Jahre-Gefühls reckt sich in die Nacht. Fast ein Happening in Hannover! "200 Jahre lang haben die Europäer uns ihre Opern geschickt, jetzt schicke ich sie ihnen zurück", hat Cage einmal über seine Europeras gesagt. Diese sanfte Provokation hätte zum Stachel der Produktion angespitzt werden müssen, zur Frage nach kultureller Hegemonie, nach unserem mörderischen Wunsch, überall auf dem Globus auf uns selbst zu treffen - begleitet von den Klängen unserer todessüchtigen Opern, die größer sind als das Leben. Wir laufen Gefahr, dass uns viel mehr um die Ohren fliegt als das liebliche Feuerwerk überm Opernportal von Hannover. Doch Nigel Lowery, der finstere Komiker, hat sich von Cages unaufhörlichem Strömen hypnotisieren lassen, seinem Verflüssigen hart umrissener Blöcke, seiner luziden Freiheitsformel allen Klangmaterials. Doch was bei Cage als pragmatischer Optimismus ansteckend wirkte, erscheint im Licht von Lowerys lieblicher Opernbeschwörung nur naiv. "I make music, not cages", konnte der Altperformer noch rufen. Lowery dagegen hinterlässt einen Käfig voller mäßig unterhaltener Narren.

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