Oper : Front der englischen Kleinstädter

Seefahrertragödie, deren eigentlicher Held das Meer ist: Mit „Peter Grimes“ eröffnet die Deutsche Oper Berlin eindringlich das Britten-Jahr.

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Furchtsam. Der Schiffsjunge versteckt sich vor Peter Grimes (C. Ventris). Foto: Davids
Furchtsam. Der Schiffsjunge versteckt sich vor Peter Grimes (C. Ventris). Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Ein engstirniges Gemeinwesen macht Front gegen den unbeliebten Einzelgänger Peter – ein Sonderling, der von der sozialen Norm abweicht. „Peter Grimes“, der Titelheld der ersten Oper Benjamin Brittens aus dem Jahr 1945, steht als Unschuldig-Schuldiger gegen die Kleinbürger eines Städtchens an der englischen Ostküste. Er wird verdächtigt, am Tod seines Schiffsjungen schuld zu sein, eines Waisenknaben aus dem Armenhaus.

In einer virtuosen Inszenierung zeichnet Regisseur David Alden diesen Kontrast, facettenreich, düster und geheimnisvoll zugleich – in einer Produktion, die die Deutsche Oper Berlin nun von der English National Opera übernommen hat. Die Wunder des kollektiven Gestaltens gehen indes von William Spauldings Chor der Deutschen Oper aus, auch von der Statisterie, und das Orchester des Hauses folgt Donald Runnicles darin, die brillante Klangfülle Benjamin Brittens funkeln zu lassen. Eine Fischertragödie. Man kann das Wasser hören und die Fische im Meer, wie sie wimmeln.

Eine solch feine Behandlung scheint dem schweren Stoff nur angemessen: Die Gerichtsverhandlung über Grimes’ Fall im Prolog des Dramas ist eine Farce, die ihn nicht wirklich entlastet. Außenseiter, ungesellig, hat Grimes nur zwei Freunde, welche ihm letztlich auch nicht helfen können: die verwitwete Lehrerin Ellen, die er heiraten möchte, und den alten Kapitän Balstrode. Um zu Geld und zu Ansehen zu kommen, überanstrengt der verbitterte Fischer einen weiteren Jungen, bis dieser auf einem halsbrecherischen Weg über Klippen abstürzt.

Dem Wahnsinn nahe, steuert Grimes am Ende selbst sein Boot dem Freitod im Meer entgegen: „Water will drink my sorrows dry.“ Brittens Librettist Montagu Slater behandelt die Figur behutsamer als ihr Schöpfer, der englische Dichter George Crabbe, der in seiner Verserzählung „The Borough“ das Porträt des total brutalen Fischers Peter Grimes entwirft, der drei Lehrjungen zu Tode bringt.

Hier in der Oper geht es mehr darum, was es heißt, sozial isoliert zu sein. Peter erscheint von Anfang an als Geächteter, lange bevor er in seiner Not immer roher wird und den Kopf verliert. Die zwiespältige Rolle ist interessant unsympathisch-sympathisch, auch, da sie für Peter Pears geschrieben wurde, der vierzig Jahre lang Brittens Lebenspartner war und sein idealer Interpret. Pears hat bei der Uraufführung im Londoner Sadler’s Wells Theatre die Hauptpartie gesungen. Schuberts „Winterreise“, bei der der Komponist den Gesang des Tenors am Klavier begleitet hat, ging um die Welt.

Gegen Peter Grimes rotten die Kleinstädter sich zusammen. Typen wie Apotheker, Rechtsanwalt, Pastor werden von der Regie in Berlin fein karikiert. Dazu kommen die beiden kafkaesken „Nichten“ der Pub-Chefin „Tantchen“ (Auntie), bezopfte unheimlich niedliche Mädchen, zum Zwillingspaar dressiert. In simultaner Bewegung hüpfend, spielen sie mit ihren Puppen. Sie sind jedoch die „Hauptattraktion“ des Pub, sie gehen auf den Strich. Denn es herrscht natürlich Doppelmoral in der City.

Und diese Menschenzeichnung geht in den Chorszenen ins Allgemeine. Obwohl Ausgrenzung, Demütigung, Mobbing überall sind, das Geschehen also vielerorts spielen könnte, handelt es sich um eine Seefahrertragödie, deren eigentlicher Hauptakteur das Meer ist, das Meer, das der Komponist Britten von Kindheit an kennt. Lowestoft, die Stadt, in der er am 22. November vor 100 Jahren geboren wurde, blickt auf die Nordsee.

Berühmt sind die Seestücke, die großen kühnen Zwischenspiele der Oper, die die verschiedenen Stimmungen wie Dämmerung an der Küste, Gewalt des Orkans (Presto con fuoco), Wellen im Sonnenlicht prägnant in Klängen malen. Orgel, Celesta, reiches Schlagwerk erweitern das normale Orchester. Eine mit leichter Hand geschriebene Passacaglia geht dem zweiten Unglück voraus. Sie steht seltsam in ihrer geradezu akademischen Art als „Interlude IV“ vor dem Auftritt des schon sehr verkommenen und verwirrten Peter Grimes.

Die packende Bildkraft der Musik, ihre Farben und dramatische Gestaltung bleiben selbst in der Avantgarde-betonten Nachkriegsliteratur außer Frage, wo besonders Aneignung und Summierung der Quellen thematisiert werden. Sicher ist allen Analytikern, dass der „Prototyp des Eklektikers“ eine einmalige Art von Originalität erreicht.

Tänze und Schattenspiele in der ländlich variablen Szenerie (Paul Steinberg) bringen in Berlin dauernd bewegte Unterhaltung in das ernste Thema. Ungewöhnlich zwingend werden die Menschenmengen auf der Bühne zum ästhetisch sublimierten Kollektiv. Giuseppe Verdi ist nicht fern, wenn Michaela Kaune als Ellen ihre blühenden Kantilenen singt. Zusammen mit Rebecca de Pont Davies als Pub-Wirtin „Auntie“ und den Stipendiatinnen Hila Fahima und Kim-Lillian Strebel in den auch darstellerisch schwierigen Rollen der Nichten 1 und 2 lässt sie ein besinnliches wohlklingendes Frauenquartett hören. Einen dramatischen Dialog um Peters Schicksal fechten Markus Brück als Kapitän und Christopher Ventris in der Titelrolle aus, der Parsifal-Tenor, kantabel und bewegend in seiner Seelenpein vor dem Tod. Im Ganzen imponiert das Ensemble mit Thomas Blondelle, Stephen Bronk, Dana Beth Miller, Clemens Bieber, Simon Pauly und Albert Pesendorfer. In der stummen Rolle des Jungen rührt Thomas Schneider.

Zu bewundern ist eine gewaltige Arbeitsleistung der Deutschen Oper, ein langer, anstrengender gleichwohl spannender Theaterabend, der am Premierenabend entsprechend heftig gefeiert wird.

Weitere Vorstellungen am 5., 9., 13. und 15. Februar

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