Kultur : Oper Graz: Eingebildete Brautschaften

Sybill Mahlke

"Als man es gefunden hat, stand es des Nachts auf der Straße, mit einem leeren Eimer in der Hand" - so beginnend zieht die erste literarische Veröffentlichung Jenny Erpenbecks den Leser in ihren Bann. In dieser staunenswerten "Geschichte vom alten Kind" weiß das Mädchen, gefragt, wie es heiße, seinen Namen nicht zu sagen. Namenlos wie "das Mädchen" ist auch "die Frau" in Arnold Schönbergs Monodram "Erwartung", und beider Wege gehen ins Nicht-Geheure, in eine geheimnisvolle Verstörung.

Wenn nun die junge Schriftstellerin Erpenbeck mit ihrer ganz eigenen Sprache und Vorstellungskraft sich an den Bühnen Graz einer Regiearbeit unterzieht, verwundert es nicht, dass die Lust zu fabulieren sie überkommt. Gerade bei diesem Schönberg, der von einer Frau handelt, die durch hohen nächtlichen Wald irrend nach ihrem Geliebten sucht und ihn schließlich getötet vor dem Fenster der Rivalin findet, lässt sich das Thema Fremdheit fortspinnen. In Jenny Erpenbecks "Erwartung" ist auch der wartende Mann zu sehen, "aber seine Wahrnehmung geht andere Wege". Die Erfindung der stummen Rolle malt den unmöglichen Dialog aus, weil die Erinnerungen und Wünsche des Paares offenbar nicht zusammen passen. Auch in dem Monodram Schönbergs und seiner Librettistin Marie Pappenheim ist der Geliebte fremd gegangen: "So oft hast du keine Zeit gehabt in diesen letzten Monaten." Eine Entfremdung.

Der Bühnen- und Kostümbildnerin Malve Lippmann ist dazu eine beredte Visualisierung geglückt, indem sie im Hintergrund einen Vorstellungsraum des Mannes, zugleich Seelenzimmer der Frau, für die Zuschauer einsehbar macht. Seine Einsamkeit, seine ganz andere Welt verquickt sich mit der weiblichen Projektion von bräutlicher Sehnsucht, ein Kranz von Double-Bräuten ist um ihn. In eingebildeter Brautschaft hat die Protagonistin über ihr Hochzeitskleid einen losen Mantel geworfen, aus dem opulent der weiße Tüll quillt. Der Schleier, abgesetzt, aufgenommen, weggeworfen, reflektiert ihre psychische Not. Der schweigende Mann versucht, mit seinem Leben fertig zu werden, während er sich ablenkenden Tätigkeiten hingibt, trinkt, raucht, Schach spielt oder durchs Fernglas in die Dunkelheit späht. - Ablenkend: das gilt auch für das Publikum. Damit ist das Konzept, das auf Jenny Erpenbecks Gabe beruht, Empfindungen zu erfinden, also der Tiefenpsychologie des Kunstwerks die moderne Vision zu verbinden, so spannend wie - heikel. Wäre da nicht, für die Solistinnenrolle gewonnen, Anja Silja! Allein sie scheint imstande, den neugierigen Einblick ins Herrenzimmer ihrer eigenen dominierenden Präsenz zu unterwerfen. Denn das Außerordentliche ist um sie. Kurz vor ihrem 61. Geburtstag steht die Sängerin auf einem Gipfel ihrer an faszinierenden Gratwanderungen reichen Karriere. Und sie findet für ihre Wunderleistung in der atonalen Partitur, deren Höhen sich dauernd im a-b-h-Bereich aufhalten, zur Grazer Premiere das richtige Publikum. Der Hörer fühlt sich ebenso sicher aufgehoben in ihrer Notenkorrektheit der großen Sprünge wie berührt von ihrer Darstellung.

Ihre Leidenschaft stürzt sich in eine Tragödie, die ins Leere geht: "Dein Kuss wie ein Flammenzeichen in meiner Nacht ... Ich suchte." Der Mann tritt vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen, wenn der Frau aufdämmert, dass sie den Toten gefunden hat, und er zieht in derselben vierten Szene - Geschicklichkeit des Inszenierungsteams - den Vorhang vor seinem Interieur zu, nachdem die entsetzt, atemlos, schreiend somnambul Liebende taktelang auf dem Spitzenton "h" um "Hilfe" gerufen hat. So bleibt von hier ab der große Eifersuchts- und Liebesgesang äußerlich unbebildert. Anja Silja sinkt nieder, um liegend in Träumerei zu verfallen - "Dein Lächeln und dein Reden, ich hatte dich so lieb" -, bevor sie durch die kalte Seitentür abgeht. "In die Verklärung", meint Erpenbeck etwas schleierhaft.

Es ist nicht ihre erste Inszenierung in der steirischen Hauptstadt, da sie ihr eigenes, auch im Deutschen Theater Berlin erfolgreiches Stück "Katzen haben sieben Leben" am Schauspiel selbst uraufgeführt und am Opernhaus u. a. "Hänsel und Gretel" produziert hat. Aber dieser Abend trägt ein besonderes Etikett: Ein Akkord aus drei Stücken als letzte Premiere der Ära Gerhard Brunner in Graz, dreisätzige Abschiedssinfonie, der Kopfsatz dank Anja Silja als Höhepunkt. Das Motiv der Bräute setzt sich fort über eine Choreographie von Schönbergs "Verklärter Nacht", die Richard Wherlock mit der sehr motivierten Tänzerschaft zu einer unbeschwerten Feier der Hochromantik macht, durch die wie Mahnungen die beiden Problemfiguren der Eckwerke "Erwartung" und "Herzog Blaubarts Burg" schreiten.

Die Damen des Balletts mit ihren Solistinnen sind sich nicht zu schade, auch die Statistenrollen der 12 imaginierten Bräute - Zutat der Regie - in der Oper von Béla Bartók zu übernehmen. Es sind flippige, gruftige Hochzeiterinnen, mit Nylonwesten und Schleierresten, in unheimlicher Stummheit vereint, schlafend Wissende, Blumenmädchen wie "menschengroße Lilien" in Blaubarts blutigem Garten, kichernde Kinder, die den Tod spielen. Eine träumerische Brautschau, dazwischen der wiederum zur Erschöpfung vereinsamte Mann, starr hinter dunkler Brille, "keiner Bewegung mächtig". Keine Handgreiflichkeit zwischen den Geschlechtern wie in Peter Konwitschnys krasser Hamburger Inszenierung, weil Judiths zärtliches Misstrauen hier bei Erpenbeck den herzoglichen Frauenmörder Blaubart nirgends erreicht. Gesungen wird sehr respektabel von Stephen Owen und Elizabeth Laurence, indes Marius Burkert am Pult des Grazer Orchesters nicht nur Hilfe auf die Bühne sendet, sondern auch jugendlichen Impetus, der bei allen Beteiligten ankommt.

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