Oper : Heißes Herz in Innsbruck

Innsbruck gilt als das Bayreuth der Barockoper. Die Festwochen für Alte Musik entdecken Pergolesis Oper "L’Olimpiade".

Jörg Königsdorf
Paare, Passanten. Ann-Beth Solvang, Martin Oro, Jeffrey Francis und Raffaella Milanesi (v.l.) in der Inszenierung von Alexander Schulin.
Paare, Passanten. Ann-Beth Solvang, Martin Oro, Jeffrey Francis und Raffaella Milanesi (v.l.) in der Inszenierung von Alexander...Foto: Rupert Larl/Festwochen

Und er war doch einer der Großen. Wenn am Ende dieses knapp fünfstündigen Marathons namens „L’Olimpiade“ im Tiroler Landestheater alle Pärchen zueinandergefunden haben und ihre wahren Identitäten geklärt worden sind, hat auch die Musikwelt ihr Happy End: Giovanni Battista Pergolesi ist die Entdeckung der diesjährigen Innsbrucker Festwochen, die damit ihrem Ruf als „Bayreuth der Barockoper“ wieder einmal alle Ehre gemacht haben.

Ein Unbekannter war der 1710 geborene Pergolesi allerdings auch bisher nicht: Sein „Stabat Mater“ gehört zur Handvoll Superhits der geistlichen Musik, seine komische Kurzoper „Die Magd als Herrin“ war noch bis in die siebziger Jahre hinein leidlich populär, und in der Frühphase der Wiederentdeckung der Barockmusik hatte Strawinskys Pergolesi-Medley „Pulcinella-Suite“ den Italiener eigentlich schon in der ersten Barockreihe etabliert. Dann erlahmte das Interesse an Pergolesi aus ungeklärten Gründen, und von seiner Bedeutung für die Musik konnte man im Wesentlichen lesen: Dass der 1736 im Alter von nur 25 Jahren Verstorbene in der knappen Zeitspanne seines Wirkens die Weichen für das Musiktheater des 18. Jahrhunderts gestellt habe; und dass seine Werke – vor allem die 1735 uraufgeführte „Olimpiade“ – einen ganz neuen, empfindsamen Tonfall auf die Opernbühne gebracht und die Abkehr vom pathetischen Stil der Vorgängergeneration eines Händel und Vivaldi eingeläutet hätten.

Zu prüfen, ob die Musik dieses sanften Revolutionärs auch heute noch (oder wieder) etwas erzählen kann, ob die Gefühlsäußerungen der Pergolesi-Figuren auch ein Publikum des 21. Jahrhunderts erreichen, war also durchaus an der Zeit – und der 300. Komponistengeburtstag der gegebene Anlass, seine berühmteste Oper wieder auf die Bühne zu bringen: Die auf einen Text des Starlibrettisten Pietro Metastasio komponierte „L’Olimpiade“ konnte sich zu ihrer Zeit gegen gut vier Dutzend Konkurrenzvertonungen (unter anderem von Vivaldi) durchsetzen und galt den Zeitgenossen als Prototyp des Pergolesi-Stils.

Im Innsbrucker Theater wird schon bei den ersten Arien klar, dass die Musik Pergolesis nichts von ihrer Emotionalität eingebüßt hat. Die Spielarten von unerfüllter Liebe, Bestürzung und Enttäuschung, die der um die antiken Olympischen Spiele herum geschürzte Handlungsknoten bald aufwirft, wirken nie redundant oder ermüdend – vor allem die Musik der zwei jungen Paare Megacle und Aristea, Licida und Argene, deren glückliche Vereinigung über drei komplikationsreiche Akte hinausgezögert wird, scheint diesen direkt aus den heißen Herzen zu quellen.

Faszinierend vor allem, wie selbst die abenteuerlichsten Schwierigkeiten und Volten der koloraturgesättigten Gesangslinien zu purem Ausdruck werden. Die virtuosen Höhenflüge und Intervallsprünge, die schieren, bisweilen zehn Minuten überschreitenden Dimensionen der Da-capo-Arien, das alles wirkt, als ob die Figuren mit allen Mitteln gegen ihr Schicksal kämpften. Die kunstvoll geschnörkelten Vokallinien klingen wie Diagramme eines Seelen-Seismografen, der auch noch das geringste Zögern und Verzagen registriert. Und immer wieder machen gerade diese Wendungen und feinen Brechungen hellhörig, die eine Grenze zu dem Alles-oder-nichts-Pathos vieler Händel-Figuren markieren: Selbst in Genre-Standards wie einer „Sturm- Arie“ stellen Nachsätze den Furor infrage, und wenn gegen Ende des zweiten Aktes der Held Megacle an dem Konflikt zwischen der Treue gegenüber seinem Freund Licida und der Liebe zu Aristea verzweifelt, wankt für ihn nicht nur die Welt – auch das festgefügte Formmodell der barocken Oper zeigt plötzlich dramatische Erosionserscheinungen.

Dass das Orchester in der „Olimpiade“ die Figuren lediglich in einen oft noch etwas klobigen Goldrahmen stellt und sich nicht weiter in die Handlung einmischt, stört kaum. Im Gegenteil: Die Arien und die ebenso ausgedehnten wie ausgefeilten Rezitative verschmelzen so zu einem durchgehenden Handlungsganzen – fast als ob sich hier schon das Musikdrama Christoph Willibald Glucks von Ferne ankündigen würde. Das scheint auch Alessandro de Marchi so zu sehen, der mit dieser Produktion seinen Einstand als Festivalchef feiert. Der 48-Jährige, der in Innsbruck die Nachfolge von René Jacobs angetreten hat, betont mit seiner Accademia Montis Regalis die vorausweisenden Züge von Pergolesis Musik: ihre feinen Farbvaleurs, die einer Szene mehr eine atmosphärische Grundierung verleihen, als einen Affekt vorzugeben.

Mag sein, dass gerade die Subtilität Pergolesis dafür verantwortlich ist, dass es mit der Wiederentdeckung erheblich länger gedauert hat als mit Händel und Vivaldi. Man möchte sich jedenfalls nicht vorstellen, wie diese Musik mit Interpreten geklungen hätte, die noch mit dem breiten Gefühlspinsel des romantischen Opernrepertoires zu Werke gingen. Auch heute noch sind Sänger Mangelware, die nicht nur die (horrenden) technischen Anforderungen der Arien bewältigen, sondern auch darstellerische Präsenz und prägnante Sprache für die Rezitative besitzen. Doch es gibt sie, und Innsbruck hat sie. Die Russin Olga Pasichnyk und die Amerikanerin Jennifer Rivera, die als Freundespaar Megacle und Licida alle Höhen und Tiefen durchleiden, Raffaela Milanesi (Aristea) und Ann-Beth Solvang (Argene) als willensstarke Liebesobjekte, und drum herum Jeffrey Francis, Markus Brutscher und Martin Oro, die in den Königs- und Ratgeberrollen für Profil sorgen. Besser geht’s kaum, und ein Glück, dass die Innsbrucker Produktion auf CD veröffentlicht werden soll.

Sicherlich ist die Inszenierung Alexander Schulins nicht das letzte Wort für die „Olimpiade“ – gern würde man dieses Stück in den Händen eines Christoph Loy oder auch eines Luc Bondy sehen. Was Schulin leistet, ist dennoch beachtlich. In historischem Dekor konzentriert er sich vor allem auf eine detailgenaue, lebendige Personenregie, die den Sängern vor allem in den Rezitativen spürbar hilft. Der Anfang jedenfalls ist gemacht. Und die Welt hat einen großen Opernkomponisten zurückbekommen.

Informationen unter www.altemusik.at

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