Oper : Heult doch, ihr Krokodile!

Die ganze Welt beneidet Berlin um seine drei Opernhäuser. Warum reden wir sie schlecht?

Andreas Homoki
Homoki
Andreas Homoki -Foto: Thilo Rückeis

Was wäre unser deutsches Lebensgefühl ohne unsere Krisen? Wir scheinen derart süchtig nach ihnen, dass wir sie gerne herbeischreiben, wenn gerade keine echten zur Hand sind. Insbesondere in Berlin: Hier braucht es keine globale Finanzkrise, um uns apokalyptische Schauer über den Rücken zu jagen. Wir haben etwas viel Nachhaltigeres, die krisenfesteste Krise alle Krisen: nämlich die der Berliner Opernhäuser.

Wer meint, die Opernwelt sei anderswo ach so fantastisch aufgestellt, sollte sich ruhig umschauen: An der New Yorker Met endet eine Spielzeit schon Mitte Mai, in Paris und an der Mailänder Scala ist man froh, wenn eine Premiere mal nicht bestreikt wird, Wien bleibt sowieso Wien, und aus London hört man grad nichts – auch schlecht.

Die Liste der „Problemhäuser“ ließe sich problemlos um jedes Opernhaus der Welt erweitern. Überall werden Spielpläne gemacht und kritisiert, Neuinszenierungen erarbeitet und verrissen, sind manche Vorstellungen ausverkauft und andere nicht. Doch nur in Berlin gibt es diese merkwürdige Mischung aus Selbsthass, Arroganz, Minderwertigkeitskomplexen und einem völligen Mangel an altmodischem Stolz auf das, was man hat.

Man stelle sich vor, aus einer anderen Stadt würde gemeldet: Drei Opernhäuser! 800 000 Besucher! 24 Premieren! 908 Vorstellungen in 2008! Ein jährliches Repertoire von 112 Titeln! In jeder anderen Stadt wäre der Jubel über das Erreichte groß. Zumal, wenn, wie in Berlin, ein lang schwelendes Finanzierungsproblem vom Senat vor Jahresfrist gerade handstreichartig hinweggefegt wurde. Berliner Opernkrise nach über acht Jahren nachhaltig gelöst!

Doch da es ohne Krise nicht geht, schafft man sich eine neue, indem man sich selbstquälerisch fragt, wie Berlin zu Opernmetropolen wie London, Wien oder Paris aufschließen kann – und übersieht dabei, dass das längst passiert ist. Und dass diese Städte ihrerseits längst neidisch sind auf Berlin, gerade weil es hier durch drei künstlerisch unabhängige Opernhäuser eine weltweit einmalige Programmvielfalt zu bestaunen gibt.

Aber in Berlin gilt noch mehr als anderswo: „Only bad news are good news!“ Keine Erfolgsmeldung, die nicht – als Ausnahme von der Regel – lediglich die angebliche Mittelmäßigkeit des Ganzen herausstellte; keine kontroverse Premiere, die nicht die Konzeptionslosigkeit des Opernstandorts Berlin insgesamt belegte. Berlins Opern in der Dauerkrise!

Und was ist mit der Stiftung Oper in Berlin, gegründet 2004, mit dem Ziel, die Opernhäuser unter einem gemeinsamen Dach zu größerer Staatsferne und mehr wirtschaftlicher Eigenverantwortung zu führen? „Handlungsunfähig!“ Man gewinnt den Eindruck, es geht vor allem darum, in einer Art Masochismus immer und immer wieder neu in die Republik hinaus zu posaunen, dass es nirgendwo schlechtere Opern zu sehen gibt als in der Hauptstadt.

Das wäre alles okay und mit etwas Humor und dickem Fell gut zu ertragen, wenn es in diesem endlosen Diskurs tatsächlich um Kunst ginge. Doch in Wirklichkeit ist die Debatte längst zum Stammtisch all derer verkommen, die in Ermangelung eigener Betätigungsfelder auf der kleinen Flamme der selbst geschürten Krise ihr eitles feuilletonistisches oder parteipolitisches Süppchen kochen. Scheinheilig werden in selbsternannten Expertenzirkeln, auf Podien und Premierenfeiern „Strukturprobleme“ konstatiert, gar „Gesamtkonzepte“ angemahnt. Da „müsste man doch“ und „hätte man schon längst ...“ Gott schütze die Oper vor dem „Hätte-Man“.

Nun wird niemand bestreiten, dass die drei Berliner Opernhäuser möglichst erfolgreich arbeiten sollen. Mit abgestimmten Spielplänen, was seit Gründung der Stiftung völlig selbstverständlich ist. Sowie mit einem gemeinsamen Marketing da, wo es sinnvoll ist, gemeinsam aufzutreten. Kein Mensch redet darüber, dass man in der Deutschen Oper längst Tickets für die Staatsoper kaufen kann und dort wiederum Eintrittskarten für die Komische Oper und andersherum.

Und die viel geschmähten Doubletten und Tripletten? Was ist eigentlich so schlimm daran, dass wir drei verschiedene „Traviata“–Inszenierungen in der Stadt haben? Nichts, im Gegenteil! Man sollte sich über diese Vielfalt freuen, die drei unterschiedliche ästhetische Zugriffe präsentiert. Noch dazu, wenn die Vorstellungen dank der Spielplanabsprachen innerhalb der Stiftung eine unvergleichliche Streuung und Präsenz dieses Werks über die gesamte Saison ermöglicht, wie in keiner anderen Metropole!

Abgesehen davon: Anders als manch kulturpolitische Sprecherin hat das Publikum, für das wir spielen, mit dieser Vielfalt keine Probleme, wie die Auslastung der populären Operntitel zeigt.

Überhaupt, die Auslastung! Sehr schön sind immer wieder die Krokodilstränen über die im Vergleich zum Vorjahr gesunkenen Auslastungszahlen, zumal wenn sie von jenen „Experten“ kommen, die im Jahr zuvor öffentlich über einen allzu „populären“ Spielplan hergefallen sind. Als wenn unsere Theater- und Opernlandschaft vom Steuerzahler nicht deshalb bezuschusst würde, um uns Intendanten in unserem Kulturauftrag zum ästhetischen Experiment geradezu zu verpflichten. Solange ein Theaterleiter am Ende einer künstlerisch spannenden Spielzeit schwarze Zahlen schreibt, sollte er also nicht zögern, Kritik an der Auslastung seines Hauses selbstbewusst als demagogischen Angriff zu entlarven.

Letztlich geht es immer um den künstlerischen Erfolg. Dieser ist weder politisch planbar noch ohne Risiken zu haben. Erfolg hängt in hohem Maße von den verantwortlichen Personen ab. Intendanten wie Rolf Liebermann, Klaus Zehelein oder Sir Peter Jonas waren in der Vergangenheit erfolgreich, weil ihrer Arbeit eine eigene, zutiefst subjektive künstlerische Haltung zugrunde lag, die sie dann professionell und konsequent umgesetzt haben. Die Aufgabe der Politik ist daher im Prinzip simpel: die Chefessel der drei Opernhäuser mit Persönlichkeiten zu besetzen, die auf Grund ihrer unterschiedlichen Überzeugungen gar nicht anders können, als dem jeweiligen Haus den Stempel aufzurücken. So einfach das ist – und so schwer offenbar zu akzeptieren.

Prompt ruft es von den Stammtischen: Alles falsch! Ein Gesamtkonzept muss her und zwar ein totales! Ein starker Mann an der Spitze der Stiftung soll den selbstherrlichen Intendanten mal so richtig einheizen! Was die Anhänger dieses neuen Führerkultes verschweigen: Ein solcher Generalintendant wird, wenn er seine Arbeit ernst nimmt, beim besten Willen nicht anders können, als die drei Opernhäuser zu unterschiedlichen Spielstätten einer „Zentraloper“ zu degradieren. Das Etikett für diesen Opern-Eintopf lautet neuerdings „Berliner Dramaturgie“, entwickelt von jenen fragwürdigen Opernfreunden, denen der Gestus dieser immer noch jungen und neuen deutschen Hauptstadt offenbar nicht monumental genug ist. Willkommen in der gleichgeschalteten Opern-Hauptstadt!

Im Ernst: Auch wenn es unserem deutschen Ordnungswahn widerstrebt – für erfolgreiche künstlerische Arbeit gibt es kein Rezept. Damit Oper im prallen Leben stehen kann, brauchen wir risikofreudige und konsequente Intendanten, die mit den nötigen Freiräumen ausgestattet sind. Und Berlin braucht weiterhin drei davon, wenn wir die Vielfalt dreier künstlerischer Programme wollen. Wer etwas anderes fordert, meint in Wirklichkeit eine Fusion der drei Opern und sollte dies auch offen sagen.

Ich wünsche mir, diese ganze unselige Schein-Debatte würde abgelöst durch eine ebenso leidenschaftliche Diskussion über den künstlerischen Inhalt der Berliner Aufführungen. Denn an keinem Ort der Welt gibt es sie in solcher Vielfalt und Qualität.

Allen Unkenrufe(r)n zum Trotz ist und bleibt Berlin einer der interessantesten Opern-Standorte der Welt. Jeder, der an der Deutschen Oper, der Staatsoper oder der Komischen Oper eine Premiere erlebt, kann dies mit Händen greifen. Aus diesem Grund werde ich persönlich, als Regisseur und Intendant, weiterhin lustvoll meinen Beitrag dazu leisten und mir von niemandem die Freude daran vermiesen lassen.

Der Autor ist seit 2003 Chefregisseur und Intendant der Komischen Oper Berlin. 2012 übernimmt er die Intendanz des Opernhauses Zürich.

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