Kultur : Oper jetzt!

Der Saalbau Neukölln wird als Spielstätte für Newcomer und schräge Musiktheaterproduktionen immer attraktiver

Frederik Hanssen

Whow! Diese Thérèse hat nicht nur die gleiche Lockenmähne wie Dolly Buster: So weit das mit ihrer Megaoberweite machbar ist, verrichtet Kristina Naudé auf der Bühne des Saalbaus Neukölln ihre Hausfrauenpflichten, während der Gatte entspannt die Zeitung liest: Erst von links nach rechts, mit einem Staubsauger bewaffnet, dann von rechts nach links, mit einem Wischlappen in der Hand. Plötzlich aber reicht es ihr. Schluss mit der Putzsklaverei, schmettert sie mit ihrem üppigen Sopran. Weil Francis Poulenc seine Oper „Les Mamelles de Tirésias“ 1944 geschrieben hat, nutzt sie ihre erotischen Reize allerdings nicht für eine steile Karriere im Privatfernsehen, sondern „entlässt“ ihre prachtvollen Brüste vielmehr, um künftig als Mann ihr Glück zu versuchen.

Poulencs surrealistische opéra-buffe, in der gleich zu Beginn aus Thérèse ein Tiresias wird, ist sicher das schrillste Stück Musiktheater, das die Neuköllner Spielstätte auch in dieser Saison mehr und mehr in eine Opernbühne verwandelt. Es begann im September mit einer programmatischen Heldentat, als Nils Steinkraus und Dirk Rave mit dem „Mikado“ ein Meisterwerk des in Deutschland sträflich vernachlässigten britischen Operettenduos Gilbert and Sullivan wiederentdeckten. Dann kam, in einer vom Hauptstadtkulturfonds unterstützten, hochprofessionellen Produktion, Bizets „Carmen“, die unter den Händen des Dirigenten Friedrich Suckel jede Menge südliches Feuer entwickelte. Als Alternative zu „Hänsel und Gretel“ und der „Zauberflöte“ war im Dezember Pfitzners Märchenoper „Das Christelflein“ zu sehen. Und jetzt, als Berliner Erstaufführung, Poulencs surrealistische Travestie. Ein Premierenreigen, der so manchem Musentempel-Intendanten Respekt abringen dürfte, mit bescheidensten Mitteln realisiert von jungen Off-Opern-Truppen.

Rund um den U-Bahn-Hof Karl-Marx- Straße, hier, wo die Neuköllner Einkaufsmeile langsam in Wohngebiete ausfranst, hat sich in jüngster Zeit eine höchst lebendige Kultur etabliert. Neben der Neuköllner Oper, längst als innovatives Haus über Berlins Stadtgrenzen hinaus etabliert, prangt das „Passage“-Kino. Nur ein paar Häuser weiter steht der Saalbau-Komplex, ein lokales Traditionsensemble: 1876, zwei Jahre nach der Gründung der Gemeinde Rixdorf, baute der aus Böhmen zugereiste Gastwirt Niesigk an der ersten und damals einzigen echten Straße des Ortes ein großes Wirtshaus mit angeschlossenem Tanzsaal. Nicht nur fanden dort seitdem Vereinssitzungen und Tanzvergnügen statt, sondern auch wichtige Ereignisse wie die Stadterhebung 1889 und später die Umbenennung Rixdorfs in Neukölln 1912. Und es wurde Hochkultur geboten: Die erste Opernaufführung ist für das Frühjahr 1883 belegt.

Erst der Kinoboom der Jahrhundertwende machte dem Theaterstandort den Garaus: 1915 wurden auch die „Bürgersäle“ in ein Lichtspielhaus umgebaut. Nach 1945 gab es zwar noch einmal eine Renaissance des nun „Städtischer Saalbau“ genannten Gebäudes, als vor allem Operettenabend und Volkstheater-Aufführungen großen Zulauf fanden – 1968 aber wurde die Spielstätte dann von der Baupolizei geschlossen. Hätte sich der Berliner Senat damals mehr für dezentrale Kulturarbeit interessiert, der Saalbau wäre wohl abgerissen und durch einen jener Sichtbeton-Multifunktionswürfel der Siebzigerjahre ersetzt worden. Detaillierte Pläne existierten bereits. Doch zum Glück zögerte die Bürokratie so lange, bis die Abrissbirnen-Politik aus der Mode kam und man sich an die Renovierung des Saalbaus machte.

1990 wurde das Gründerzeit-Prachtstück wiedereröffnet – ohne allerdings nachhaltig ins Bewusstsein der Bevölkerung vorzudringen. Denn die Fassade des Ensembles präsentiert sich dem Auge des Flaneurs genauso uncharmant-ungeschminkt wie die Karl-Marx- Straße insgesamt. Erst wer die schmale Hofeinfahrt gefunden und durchschritten hat, wird von neobarocker Pracht überrascht: Strahlend hebt sich der Saalbau gegen die schmuddeligen Hinterhäuser ab, drinnen empfängt den Besucher eine Mischung aus behutsamer Wiederherstellung und messingglänzendem Chic der späten Achtziger. Trotz der inzwischen fest installierten Besuchertribüne für 350 Zuschauer im Großen Saal kann man sich problemlos vorstellen, wie hier in Vatermörder und Frack getafelt wurde, wie aufgerüschte Handwerksmeister-Gattinnen ihre Ehemänner sanft auf die Tanzfläche zogen, wenn die „Berliner Luft“ gespielt wurde.

Heute allerdings reflektieren die elfenbeinfarben gestrichenen Wände mit den goldbronzenen Stuckleisten meist andere, ernstere Töne. Hier treten lokale Laiengruppen und Musikschulensembles auf, aber auch das Schauspiel Neukölln. Und vor allem immer mehr Off-Opernkompagnien. Nicht die etablierten wie die Berliner Kammeroper oder die Zeitgenössische Oper Berlin, sondern Newcomer.

Wie gut die kleine Theatermeile funktioniert, zeigt sich an einer Schließung: Das traditionsreiche McDonalds-Restaurant an der Ecke bei der Neuköllner Oper hat aufgegeben. Seit das Café „Rix“ im Saalbau nicht mehr die einzige großstädtische Kneipe des Kiezes ist, weil die Neuköllner Oper mit der „Götterspeise“ jetzt ihr eigenes Ess-Etablissement betreibt, hält sich auch das aus anderen Bezirken angereiste Publikum gerne noch ein wenig länger in Neukölln auf als nötig.

Auf der Saalbau-Bühne gibt sich Kristina Naudé alias Thérèse alias Tiresias inzwischen maskulinen Fantasien hin: Soldat will sie werden! Oder besser: Manager! Nein, vielleicht doch lieber Atomphysiker! Hauptsache Macht statt Bettenmachen, Hauptsache endlich auch einmal bestimmen können!

Regisseur würde gut in diese Aufzählung passen – auch so ein von Männern dominiertes Metier. Cordula Däuper zum Beispiel hat sich für diesen Job entschieden. „Die Brüste des Tiresias“ ist ihre Diplominszenierung am Studiengang Regie der „Hanns Eisler“-Musikhochschule. Im Saalbau ist sie keine Unbekannte: Hier hat sie bereits im Jahr 2000 Mozarts „Schauspieldirektor“ herausgebracht. 2001 folgte Suppés „Schöne Galathee“, 2002 dann ein Doppelabend mit Einaktern von Poulenc und Menotti. Mit dem Dirigenten Michael Riedel und dem Dramaturgen Oliver Müller bildet sie den Kern der Truppe „oper jetzt!“. Mit dem „Jungen Ensemble Berlin“, das Riedel seit 1997 leitet, stand immerhin schon ein Orchester zur Verfügung. Die acht Solisten und 21 Chormitglieder machen aus Freundschaft oder Neugier mit. Auf jeden Fall nicht aus Geldgründen. Nachdem diverse Anträge auf finanzielle Unterstützung von Bund oder Land abgelehnt wurden, hat das Team die extrem aufwendige Produktion auf eigenes Risiko aufgezogen.

Das Credo der Off-Szene –jeder hilft sich selbst, so gut er kann –, gilt auch für Poulencs Oper: Nachdem seine Gattin das Geschlecht gewechselt hat, beschließt der verlassene Ehemann, sich selbst um den Nachwuchs zu kümmern. Mit Erfolg: Gleich am ersten Tag bekommt er 11000 Kinder. Womit die Rentendebatte zumindest auf der Opernbühne fürs Erste beendet sein dürfte.

Aufführungen „Die Brüste des Tiresias“: 16. bis 18.Januar im Saalbau Neukölln. Infos unter: www.operjetzt.de oder Tel: 68 09 37 79.

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