Oper : Lang ist die Kunst

Die Oberschenkel sind taub, der Rücken schweigt beleidigt: Wagners "Ring" in 24 Stunden. Ein Selbstversuch und eine Erkenntnis. Von Christine Lemke-Matwey, Erl/Tirol

(Der Tagesspiegel, 26.07.2005)

- Um fünf Uhr in der Früh, sagt Gustav Kuhn, der Spiritus Rector der Tiroler Festspiele, habe er seine Kreativphase, da denke er nach, "wohin die Reise geht". Prompt ließ der Geistesblitz auch diesmal nicht lange auf sich warten: Wagners "Ring" in 24 Stunden. Der Vorabend als Vorabend, der Rest am nächsten Tag von 17 Uhr bis 17 Uhr. Die Tetralogie als Schlaflabor. Das gabs noch nie. Ein Lausbubenstreich? Karajanesker Größenwahn? Der Rausch im Rausch im Rausch? Wir sind nach Erl hingefahren. Ein Selbstversuch.

22. Juli, 18 Uhr 40.

Wie Manna schlägt einem die Tiroler Landluft entgegen. Der eigene Kopf ist leer. Sieben Stunden auf der Autobahn. Regen, Stau und wieder Stau und wieder Regen. Am schlimmsten, neben der Münchner Ostumfahrung und dem Irschenberg: das Nadelöhr Bayreuth. Die A 9 als Gesamtkunstwerk. Hier baut für immer und ewig die Bundesrepublik Deutschland. Ein abgekartetes Spiel? Schleichen im Schritttempo, damit man möglichst lange den Grünen Hügel im Nacken verspürt und das rotbäckig sich aufblähende Bayreuther Festspielhaus? Drei Tage später wird auch hier die Saison eröffnet, mit "Tristan und Isolde". Fahrt ihr ruhig weiter ins Land der Schlutzkrapfn und Speckknödeln, winken Haus und Hügel uns höhnisch nach, es gibt ja doch nur einen wahren Wagner - und der spielt hier. Das, liebe Bratwurst-Freunde, werden wir noch sehen.

18 Uhr 57.

Das "neue", 1959 erbaute Erler Festspielhaus hat viel Holz, viel Beton und mit beigem Cord bezogene Sitze. Es riecht ein bisschen modrig. Seit 1613 finden in Erl Passionsspiele statt, alle sechs Jahre tragen sie hier den Heiland zu Grabe. Da das Haus keinen Orchestergraben hat, thronen die Musiker des Sommers auf einer riesigen Tribüne im Bühnenhintergrund. Das heißt: Wagners Bayreuther Prinzip des "mystischen Abgrunds" wird hier radikal auf den Kopf gestellt. Das heißt auch: Die Sänger haben den Dirigenten im Rücken, kommunizieren mit ihm nur über Monitor. Ein Sakrileg? Ja und nein. Einerseits ist die Akustik des Holzbaus wirklich exzellent. Andererseits sorgt der sichtbare Klangkörper zwangsläufig für Ablenkung. Zuoberst übrigens thronen die Harfen, wie die Zinnen einer Burg. Die Musik selbst, sagt dieses Not-Tugend-Arrangement, ist das Drama. Der Zuschauer sieht hörend und hört sehend, was ihn in den Wagner-Rausch treibt. Verführung durch Desillusionierung. Das Orchester als Menschenbemächtigungsmaschinerie.

19 Uhr 02.

Das Saallicht dunkelt ein. Wir falten noch schnell das Programmheft auseinander - und erschrecken. Hatten ganz vergessen, dass das rückseitige Plakat im Stile eines Londoner U-Bahn-Plans gehalten ist. "Wagners Ring" sagt die Schrift im Logo, und die einzelnen Linien haben wie in der richtigen Tube jede ihre Farbe: rot für Götter wie Wotan und Brünnhilde, blau für die Menschen, für Siegfried, Gunther oder Hagen, grün für alle Zwerge und Riesen (Alberich, Fafner, Mime). Ob die Tiroler Festspiele auf die Londoner Terroranschläge hätten reagieren müssen? Dann dürfte man ein politisch inkorrektes Stück wie Wagners "Ring", in dem es um nichts anderes geht als um Machterhalt und Totschlag, um Gesetzesbruch und Liebesverrat und um die Oper als Weltersatz und Kunstreligion und letzte Utopie, heutzutage besser gar nicht mehr spielen. Jetzt aber gilts erst einmal der Musik, sämiges Es-Dur hebt an, das "Rheingold", der Vorabend der Tetralogie, beginnt. Zweieinhalb Stunden ohne Pause.

Ungefähr 20 Uhr.

Fafner, der Riese, stapft im Outfit eines Baseballspielers durchs Geschehen, die Götter essen Pizza, und uns geht es gut. Gustav Kuhn, Erfinder der Tiroler Festspiele und im Hauptberuf Dirigent, führt bei diesem seinem Erler "Ring" auch Regie. Und er ist ein Freund des Augenblicks, liebt einfache, praktische, bisweilen etwas wurschtige Lösungen. Das macht die Sache so unbefrachtet. Prompt ist der Waldvogel in Erl ein fetter fliegender Wolpertinger, und wenn das "Siegfried"-Finale das brünstige Liebesglück des Helden mit der blond gelockten Brünnhilde besingt, dann hocken sich sechs herzige, blond gelockte Dirndlkinder mit ihren Teddys auf die Feuer- oder Lotterbettkante. Kitsch? Kunst? Folklore? In jedem Fall ist es nicht schlimm, wenn man szenisch mal etwas verpassen sollte.

21 Uhr 50.

Fast zehn Stunden sind wir jetzt nur gesessen, Richard Wagner hätte seine Freude. Das perfekte Training für Samstag, wenn es von fünf Uhr nachmittags bis vier Uhr früh am Stück durchgeht. Überhaupt: Wieso eigentlich 24-Stunden-"Ring"? Inklusive "Rheingold" kommt man von Freitagabend bis Sonntagnachmittag rechnerisch auf 46 Stunden, exklusive des Vorabends auf 23. Nun ja, das Marketing. Erste Symptome in Rücken und Beinen, dass das mit der Oper als Lebensersatz doch nicht wirklich tauglich sein könnte.

23. Juli.

Von jeder Straßenecke grüßen die Plakate der Tiroler Festspiele, horizontal zweigeteilt. Oben Gustav Kuhn in Maestro-Pose, unten ein Rindvieh auf der Weide. Das suggeriert, Dirigieren habe etwas mit Stierkampf zu tun oder damit, eine Sache bei den Hörnern zu packen. Hat es ja vielleicht auch. Wie Kuhn wenig später im Festspielhaus seines Amtes waltet, gibt er mit seiner massigen Silhouette, dem sich lichtenden Haarkranz freilich eher eine lutherische Figur ab. Ein Visionär, ein Demagoge, ein Lustmensch und großer Verführer auf dem Katheder. Klar, dass einer wie er mit fast 60 kaum mehr resozialisierbar oder gar zu retten ist für den konventionellen Musikbetrieb. Kuhn hat es mit den Wiener Philharmonikern verdorben (was so schwer nicht ist), er hat Intendanten öffentlich geohrfeigt und als Mitglied der österreichischen Olympia-Segelmannschaft eine Zeit lang ausschließlich in Hafenstädten dirigiert - trainingshalber, wie er gerne feixt. Heute leitet er die Accademia di Montegral in der Toskana und seit 1997 die Tiroler Festspiele, putzt erfolgreich Klinken bei Sponsoren, kümmert sich um den musikalischen Nachwuchs - und produziert Ideen. Denn: Jede Droge, so der manische Arbeiter, führe unweigerlich zu härteren Drogen. "Wenn Sie jeden Abend zwei Glaserln Wein trinken, dann schmeckts so richtig doch erst beim dritten."

16 Uhr 45.

Auf der grünen Wiese vor dem Festspielhaus finden sich acht brave Haflinger angepflockt. Dass sie die Feuerrösser des Wagnerschen Walkürenritts darstellen sollen, glaubt man ihnen nicht so ganz. Überhaupt ist es eine ziemlich eigenwillige Interpretation des Wortes vom Gesamtkunstwerk, einzelne Versatzstücke jener Kunst, die die Welt doch erst noch erlösen will und muss, realiter vorzuführen. In den "Siegfried"-Pausen beispielsweise hämmert ein echter Schmied überm echten Feuer auf einem echten Stück Eisen herum - und das Publikum schaut und staunt, als hätte es gar nicht mehr geglaubt, dass es so etwas noch gibt.

18 Uhr.

Hunding, das Ekel, guckt fern, über Siegmund und Sieglinde, dem inzestuösen Zwillingspaar, schlägt im rosaroten Scheinwerferlicht ein blütenweißes Liebessegel zusammen, und uns geht es gut. Solche Musik müsste doch in jeder Körperhaltung und Lebenslage auszuhalten sein. Diese Trompeten, diese Posaunen, dieses Horn! Und erst der Streicherteppich, so satt und dabei so biegsam, so schmiegsam, so schmachtend! Gut 120 Mann zählt das Festspielorchester, Sommer für Sommer neu engagiert, sehr viele sehr junge Gesichter, die vor allem - und das ist es, was man hört - eines wollen: Sie wollen. So ist die bevorstehende Nachtschicht natürlich mit der Erler Orchestervertretung abgesprochen, aber eben keine Frage gewerkschaftlich garantierter Ruhezeiten. Das schafft Laune.

21 Uhr 40.

Ovationen für Gertrud Ottenthals Sieglinde, Andrew Brunsdons Siegmund, Duccio Dal Montes Wotan und Monika Waeckerles Waltraute, die sich allesamt (ergänzt durch Michael Kupfers Gunther und Sabine Türmers Gutrune in der "Götterdämmerung") auf jeder Wagner- Bühne dieser Welt hören lassen könnten und können. Und auch die Brünnhilde der zierlichen Elena Comotti d'Adda ist zu loben. Schade nur, dass es sich auf Teppichboden so schlecht trampeln lässt.

21 Uhr 45.

Auf einer Woge kollektiver Euphorie segeln wir in die eineinviertelstündige Pause. Die Oberschenkel fühlen sich taub an, der Rücken schweigt beleidigt - was solls. Überm Inntal ist es Nacht geworden, Fackeln brennen, der Schmied schmiedet, die Menschen wickeln sich in Decken ein und machen es sich in den aufgestellten Liegestühlen bequem. Normalerweise wäre jetzt jeder Wagnerianer stolz, die "Walküre" geschafft zu haben. Ein Wein, ein Bier, ein letztes Fachsimpeln und dann ins Bett. Hier aber heißt es sich innerlich stählen für "Siegfried", das härteste, geschwätzigste, ästhetisch schwierigste Stück der Tetralogie. Am Büffet verkaufen sie Würstl und Red Bull. Wir greifen zu und hoffen auf den Rausch.

23 Uhr 30.

Erstes ernsthaftes Schwächeln in der Schmiedeszene des ersten Akts. "Hoho! Hoho! Hahei! Hahei!", ruft Siegfried, der Held, und zerrt an einem riesigen Blasebalg. Die Augenlider werden schwer und immer schwerer. Dass man bei diesem Lärm überhaupt an Schlaf denken kann. Ein leises, rhythmisches Sägen von hinten, wir sind nicht allein. "Nothung! Nothung! Neidliches Schwert!", schreit Siegfried. Uns rutscht der Kopf weg, erst auf die Brust, dann in den Nacken. Als er den Amboss zerhaut, schrecken wir wieder hoch. Über dem Orchester jagt eine Fledermaus hin oder her. Traum oder Wahn?

0 Uhr 50.

Das Saallicht zum zweiten Akt ist unten, Gustav Kuhn lässt auf sich warten. Eine böse Hoffnung keimt in uns auf: Was, wenn er nun unglücklich gestürzt wäre, sagen wir, mit verstauchtem Handgelenk? Ein fremder Herr träte auf die Bühne, meine Damen und Herren, würde er sagen, es tut uns leid, aber wir müssen den 24-Stunden-"Ring" leider abbrechen, der Maestro, Sie verstehen. Kaum haben wir uns das ausgemalt, da prescht er auch schon heran, der Unverwüstliche. Unversehrt, natürlich.

1 Uhr 50.

Siegfried hat gerade zum zweiten Mal gemordet, nach Fafner, dem Wurm, jetzt Mime. Psychedelische Zustände: Gehört er eigentlich zu den Guten oder zu den Bösen? Das Orchester wird lauter, Gustav Kuhn schneller. Noch zwei bittere Stunden. Der Körper, der da sitzt, gehört uns nicht mehr.

4 Uhr 30.

Wir sinken ins Bett. Endlich erlöst. Die Ohren klingen einem wie nach einem Rockkonzert, im Kissen singen Männerstimmen, die nie wieder aufhören. Der Rausch, er war kein Rausch und wird nie ein Rausch gewesen sein. Vielmehr eine Tortur, ein gnadenloses Zurückgeworfensein auf die physischen und mentalen Grenzen. Wer nachts um drei nur mehr das eigene Blut im Kopf rauschen hört, dem sind Wagners Leitmotive herzlich fern und egal. Der "Ring" ist keine Jam-Session, sondern erfordert höchste Aufmerksamkeit und Konzentration. Zuhören statt Wegdämmern. Und also war Gustav Kuhns spektakuläre Idee, Spielzeit und gespielte Zeit in eins zu setzen und so das Gesamtkunstwerk auf die Spitze zu treiben, nichts als ein berserkerhaftes Missverständnis, die Ehrgeiztat eines Ex-Olympioniken?

24. Juli.

Erstaunlich frisches Erwachen. Viel Musik in den Gedanken. Und Erleichterung: nur fünf Stunden "Götterdämmerung" - ein Pappenstiel.

11 Uhr 30.

Siegfrieds Rheinfahrt klingt wie Lehár, Mahler, Weber, Lortzing. Überhaupt: Das Pastorale der Partitur wird gerne unterschätzt. Hier lernt man es neu. Vielleicht auch, weil der Nachen des Helden von acht echten Erler Feuerwehrmännern die Stiegen im Saal hinauf und wieder hinunter geschleppt wird.

16 Uhr.

Die Beine könnens jetzt, erstaunlicherweise, der Rücken auch. Großer Herzensschwindel bei Brünnhildes Schlussgesang. Dass der Mensch so leicht vergisst, was ihm kostbar ist. Das berührt.

16 Uhr 15.

Donnernder Schlussapplaus. Gustav Kuhn nimmt seine Brünnhilde auf den Arm, tut, als werfe er sie ins Publikum. Man hätte ihm auch so geglaubt, dass er nach diesen 46 oder 23 Stunden immer noch Kraft hat. Eigentlich fehlte dem Ganzen bloß ein bisschen Anarchie. Warum überhaupt Pausen, Atzungen, freier Auslauf? Der "Ring" in 16 Stunden! Das Publikum angekettet und geknebelt, auf der Bühne nichts als das nackte richtige Leben, und am nächsten Tag wird, wie Wagner es einst wollte, alles Notenmaterial zerrissen und das Haus angezündet. Das hätte Existenzialität bedeutet und wahren Sportsgeist! Den fränkischen Erbpächtern jedenfalls wäre die Bratwurst im Halse stecken geblieben. (tso)

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