Oper : Nadelstiche

Hans Neuenfels entdeckt in München Giovanni Simone Mayrs Oper „Medea in Corinto“. Die Oper ist stilles Wasser und ätzende Lauge zugleich.

Mirko Weber

Manchmal liegt grad das Rechte rum, wenn man was zum Kicken braucht. Im Fall des Regisseurs Hans Neuenfels ist es ein blutverschmiertes Messer. In der Münchner Oper hat er nach der Premiere von „Medea in Corinto“ gerade seinen Diener gemacht, während das Publikum ihm unüberhörbar die Hucke vollhaut. Neuenfels macht im Abgang eine wegwerfende Handbewegung, sieht das Requisit, mit dem Medea ihre Kinder abgeschlachtet hat, holt mit dem rechten Fuß aus und lässt die Klinge ordentlich wirbeln. Ein wenig erschrocken schaut das Ensemble hinterdrein: Neuenfels aber ist schon auf dem Weg nach Bayreuth. Zur Eröffnung der Festspiele inszeniert er dort „Lohengrin“.

Die Häuser in Bayreuth und München sieht Hans Neuenfels, 69, tatsächlich beide als Regisseur zum ersten Mal von innen. Es musste, was die Bayerische Staatsoper betrifft, erst der Österreicher Nikolaus Bachler als Intendant kommen, um den ehemaligen Wiener Studenten Neuenfels durchzusetzen. Bachler ist jetzt ein Jahr richtig im Amt, und man kann gewisse Linien seiner Programmatik erkennen. Von Ausnahmen abgesehen besetzt er sozusagen ungern gegen den Strich. So ging Pfitzners „Palestrina“ an den Mysterienspektakelfachmann und Oberammergauer Christian Stückl, und es geht eben „Medea in Corinto“ an den Mythologiegräber Neuenfels, der sich im Schauspiel über Euripides (in Frankfurt) und Grillparzer (an der Burg) in den Stoff gewühlt hat. In München nun bekommt er die Musik dazu: sie stammt vom gebürtigen Ingolstädter und Wahlitaliener Giovanni Simone Mayr, der mit dem einen Fuß noch bei Mozart steht, während er mit dem anderen Rossini schon einen halben Schritt vorausgeht. Zudem war er Donizettis Lehrer. Langsam wird Mayr selber wieder entdeckt. Ob es lohnt?

Partienweise schon, zumal sich der Dirigent Ivor Bolton in München wieder verdient machen darf. Ob Arien zu Soloinstrumenten wie Harfe und Violine, akute Chorballung, beständige Dur-Moll- Wechsel oder belcantistische Ausbrüche: Bolton ist mit dem Bayerischen Staatsorchester immer auf dem Posten und poliert in einem fort kompositorische Kabinettstückchen. Mayrs mitunter erstaunliche Stilvielfalt und ahnungsvolle Vorwegnahme historisch erst viel später etablierter Monumentaldramatik hat freilich einen großen Nachteil. „Medea in Corinto“ ist keine Oper aus einem Guss, sondern ein eher seltsames Gebräu: zugleich stilles Wasser und ätzende Lauge. Ständig besteht die Gefahr, dass alles überkocht – und zwar explosionsartig. Umgedreht simmert das Stück dialogisch auch oft nur vor sich hin.

Außer, es ist Medea beteiligt. Medea ist die Leipzigerin Nadja Michael: Zu Anfang schält sie sich aus einem Kriegerinnenkleid aus Bast und Knochen, dann trägt sie Schwarz, endlich Weiß. Medea ist der einzige Mensch in dieser Chargen-Geschichte, obwohl sie am Schluss das Unmenschlichste tut. Nadja Michael hat die Wucht ihres Mezzo ins Sopranfach mitgenommen und ist gleich in zweifacher Hinsicht ein Ereignis: als Kraftwerk und als Projektionsfläche. Erst wenn sie ins Spiel kommt, lebt die Bühne; sobald sie mit dem Finger schnippt, bekommt die Szene Beine. Der Rest ist, nun ja, auch ein bisschen aus dem großartigen Neuenfels-Manierismus-Fundus: Eingeborene, die – nur dass alles klar ist – vorsichtshalber Papptafeln mit dem Wort „Neger“ drauf vor sich hertragen. Versehrte, jubelnde Krieger in Fantasieuniformen. Immer wieder kommt ein bisschen die legendäre Frankfurter „Aida“ zurück.

Medeas im Kopf reichlich korrumpierter Ehemann Giasone ist Rámon Vargas: vokal seiner Frau nicht gewachsen, als Schauspieler (und tenoraler Jetsetter) ein Ausfall. Da kann selbst Neunfels nichts richten. Immerhin zwingt er ihm einen kleinen Darstellercoup ab. Als Giasone die Liebe zu Creusa preist, hat er seinen Blick nur auf die Krone gerichtet. Etwas anderes hat Jason nicht im Sinn.

Im Bühnenbild von Anna Viebrock (unten zeitgemäßer Beton, mittendrin antiker Fries, oben Medeas Haus, ein Menschen gemäßer Holzbau, der final himmelwärts fliegt) wird Mayrs „Medea“ ansonsten von Neuenfels eher bebildert: Regiehilfe leistet der bewährte neuenfelssche Götterbote. Stellvertretend für Medeas Sohn wird er umgebracht. Neuenfels interessiert weniger das Blutbad als die Nadelstiche, die dazu führen. Ein paar kann er zeigen. Der Rest steckt nicht im Stück. Die Münchner Mayr-„Medea“ ist ein solides Testspiel. WM ist in Bayreuth.

Wieder am 10., 13., 16. und 20. Juni

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