Oper : Schlingensief lässt "Zombieschiff" vom Stapel

Im legendären Opernhaus der brasilianischen Dschungelstadt Manaus hat am Wochenende Christoph Schlingensiefs "Fliegender Holländer" Premiere.

Berlin/Manaus - Christoph Schlingensief liebt das harte Kontrastprogramm. Nach seinem furiosen Debüt 2004 mit "Parsifal" auf dem Grünen Hügel im fränkischen Bayreuth, dem "heiligen Gral" der Richard-Wagner-Anhänger, startet er am Wochenende am Amazonas in Brasilien durch: Dort hat sein "Zombieschiff" des "Fliegenden Holländers" im legendären Opernhaus von Manaus Premiere. Auftakt am Freitag ist zunächst eine "Prozession" mit allen Mitwirkenden vom Opernhaus aus, wo das "Festival Amazonas de Opera" eröffnet wird, zum Hafen mit allen Mitwirkenden. Dazu gehören 150 Trommler, die auf sieben Schiffen in Richtung Dschungel abdampfen, um sich für die Premiere in die richtige Stimmung zu bringen.

Die steigt dann am Sonntag im prunkvollen Teatro Amazonas der einstigen Kautschukbarone der Jahrhundertwende, das schon Werner Herzog 1982 zu seinem Film "Fitzcarraldo" mit Klaus Kinski inspirierte. Für Schlingensiefs abenteuerliches Opernprojekt im Regenwald hat sich das Kultursekretariat des Bundesstaates Amazonas mit dem Goethe-Institut und der Bundeskulturstiftung zusammengetan. Musikalischer Leiter ist der Festivaldirektor Luiz Fernando Malheiro, der vor zwei Jahren mit einer ersten brasilianischen Gesamtaufführung von Wagners "Ring des Nibelungen" in Manaus Aufsehen erregte.

Sambatanzende 84-Jährige

Für den "Holländer" ist Schlingensief schon seit zwei Monaten mit seinen Mitspielern unterwegs. Das sind ein internationales Sängerensemble, ein ganz in Weiß gewandetes Orchester und ein "Querschnitt durch die einheimische Bevölkerung" wie zum Beispiel eine sambatanzende 84-Jährige sowie eine "Kerntruppe" seiner Berliner Schauspieler-Crew. Im Regenwald, in den Favelas (Armenvierteln) und auf den Flüssen waren sie zu Filmaufnahmen unterwegs, die wie immer Bestandteil von Schlingensief-Inszenierungen sind.

Der Regisseur probt "bei offenen Türen" im Opernhaus mit mehreren hundert Zuschauern. "Diese Offenheit ist ja in Deutschland undenkbar", sagte er. "Hier aber sitzen die Kinder mit offenem Mund und staunen, die Alten lachen, aber alle gucken und sind interessiert. Vielleicht lohnt das ganze Unternehmen alleine schon aus diesen Gründen."

Schlingensief: Bin kein "Tourneeprediger"

Schlingensief versteht sich am Zusammenfluss von Rio Negro und Amazonas mit seiner Opernproduktion auch nicht als "Tourneeprediger", wie er betont. "Ich komme nicht hierher, um denen zu sagen, wo es langgeht oder um ihnen deutsche Manieren beizubringen und meine deutschen Eier hier hinzulegen, auch nicht, um ihnen zu zeigen, wie eine Oper richtig geht." Aber an einem Ort, wo Kunst und Natur aufeinander prallen, interessiere ihn besonders das Rituelle in Wagners Werk zwischen Leidenschaft und Abneigung, Wiederkehr und Erlösung, Bühnenspiel und sakraler Handlung. "Senta träumt und spinnt ihr Seemannsgarn, die spinnen eigentlich alle, wie wir auch."

So ist seine "Holländer"-Inszenierung in Manaus "musikalisches Erzähltheater und die letzten Dinge repetierendes Ritual", wie sein Dramaturg Carl Hegemann aus Berlin meint. "Die Todessehnsucht, die für das Genre Oper kennzeichnend ist, erreicht einen Gipfelpunkt - die fundamentalistischen Revolutionäre der Gegenwart können auch nicht todesverliebter sein."

Für den 46-jährigen Schlingensief ("Das deutsche Kettensägenmassaker") ist die Oper im Urwald auch mit ziemlichen Strapazen und manchen Störungen verbunden, von Fieberschüben bis zu einem streikenden Chor oder einem Kultursekretär der Behörden, der von dem Regisseur lieber bei einem Kaffee stundenlang Wagner erklärt haben möchte, während der eigentlich die Generalprobe angesetzt hat. Aber da hat ein Schlingensief, der in Island und Namibia nach dem Heiligen Gral gesucht hat, schon ganz andere Schwierigkeiten gemeistert. (Von Wilfried Mommert, dpa)

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