Kultur : Oper: Schreie und Flüstern: Wilhelmine von Bayreuths "Argenore"

Christiane Peitz

Sie war die älteste Tochter des Soldatenkönigs. Mit 8 Jahren wurde sie verlobt, mit 22 ehelichte sie auf Geheiß ihres Vaters den Erbprinzen von Bayreuth. Wilhelmine von Bayreuth wusste ein Lied zu singen von höfischen Intrigen und der Unmenschlichkeit dynastischer Heiratspolitik. Ein gewöhnliches Frauenschicksal des 18. Jahrhunderts - aber eine ungewöhnliche Frau. Wilhelmine, die in der fränkischen Residenzstadt ein Opernhaus erbauen ließ, mag gegen ihren Willen verheiratet worden sein. Aber sie komponierte 1740 die Oper "Argenore", in der eine Frau eben dieses Schicksal erleidet: Die Königstocher Palmide liebt den Kriegshelden Ormondo und soll dem Höfling Leonidas angetraut werden. Ormondo aber, so stellt sich heraus, ist ihr leiblicher Bruder.

Studierende der Hochschule der Künste haben das vergessene Werk im Rahmen des Preußen-Jahrs nun auf die Bühne gebracht. Damals sangen Kastraten, heute absolvieren - mit einer Ausnahme - Frauen alle Partien. Eine konsequent autobiografische Perspektive: Durch die Szene irrlichtert die stumme Markgräfin selbst, betrachtet sich in den zerbrochenen Spiegeln der Paravents, putzt das Portrait ihres Vaters und das ihres geliebten Bruders, Friedrichs des Großen, zieht sich die Perücke vom Kopf, löst ihr Haar. Nach und nach wird die steife Nummernoper von den Stimmungslagen der Empfindsamkeit unterwandert. Schreie und Flüstern, Seufzer und Weheklag - authentische, herzerweichende Töne. Auch ein Happy-End, damals üblich, findet nicht statt: "Argenore" ist ein Drama der Ausweglosigkeit, der Morde und Selbstmorde.

Regisseurin Vroni Kiefer lässt den Hofstaat wie auf einem Schachbrett agieren. Marionettenheater mit Strippenziehern und abgezirkelten, statuarischen Gesten: jeder Tanz, jeder Handschlag ein kleiner Gewaltakt. Dazu die Kostüme von Angela Zohlen, ein Wunderwerk in Rot. Purpur, Schwarzrot, Orange, Gold, Sonnenblumengelb: Gewänder aus im wechselnden Licht changierendem Taft, kunstvoll drapierte Faltenwürfe mit versteiften Nähten - erstarrte Dynamik.

Leider wackelt das musikalische Fundament. Die schleppenden Tempi des Dirigenten Hanno Bachus und seines Studentenorchesters, die auf Wohlklang versessene Langsamkeit der Sänger stellen das Publikum des Dreieinhalb-Stunden-Abends auf eine harte Geduldsprobe. Verpatzte Einsätze und unsaubere Intonation mögen der Nervosität geschuldet sein. Aber auch der Ersatz der Rezitative durch gesprochene Dialoge unterbricht den Spannungsbogen regelmäßig, zumal die aktualisierten Texte allzu verzopft deklamiert werden.

Die jungen Sänger hätten bessere musikalische Partner verdient, allen voran Viktoria Lasaroff und Ulrica Torquato mit großem Volumen und einem weiten Spektrum der Affekte, mit virtuoser Rage, fahlen Zwischentönen, ersterbender Verzweiflung. An schauspielerischem Talent und flexiblem Tempo mangelt es noch - aber das kennt man auch von manchem Opernprofi. Wilhelmines einzige Oper ist eine Aufführung allemal wert, als Äußerung einer Frau, die wenigstens als Komponistin aus dem Schatten einer fremdbestimmten Existenz trat - vor ihrer Zeit. Zum Schweigen ließ sie sich nicht bringen.

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