Oper : Sechs Stimmen sollt ihr sein

Frank Castorf inszeniert in Wien mit "Jakob Lenz" seine erste Oper.

Christina Kaindl-Hönig

Seit Monaten steigert sich Österreich wie besessen in die Euphorie hinein: Überall künden Fußbälle von der nahenden Europameisterschaft, auf Plakaten, in Geschäften, als Skulpturen. Das Burgtheater, im Zentrum der geplanten Fanmeile gelegen, flieht den Lärm auf Gastspielreisen nach München, Israel und Kanada, während das Haus selbst einem elitären Fußballpublikum überlassen wird: Hinter Zäunen wird das Theater zur exklusiven Hightech-Arena mit Showprogramm.

Auch die Wiener Festwochen zollten dem Großereignis dieser Tage Tribut – mit der Hommage an einen Mythos: „Das Wunder von Cordoba“, Österreichs Sieg gegen Deutschland bei der WM in Argentinien 1978. Im Wiener Gerhard-Hanappi-Stadion feierten fast 3000 Zuschauer noch einmal Hans Krankls Heldentor in der 88. Minute, das der damalige Kommentator Edi Finger mit den Worten „Tor, Tor, i wer narrisch“ ins kollektive Gedächtnis bannte. In einem unsichtbaren Match ohne Ball und Mitspieler ließ der Schweizer Theatermacher Massimo Furlan die Performance des Mittelstürmers nochmals aufleben, begleitet von Edi Finger junior, den jeder Zuschauer über ein Radio im Bierdosenformat mithören konnte. Eine 90-minütige Choreografie, in der Furlans Krankl dem imaginären Ball nachjagt, sich rollend über den Rasen wirft, um am Ende auf Knien dem Publikum entgegenzurutschen. Die Siegerpose im Suchscheinwerfer – erlösende, grölende Katharsis.

Dem Bad im Mythos folgt der Sturz in die Realität: Als einen „Weggeworfenen“ auf dem Müllplatz der heutigen Gesellschaft zeichnet Frank Castorf den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Lenz in seiner Neuinszenierung von Wolfgang Rihms gleichnamiger Kammeroper. Als noch nicht 30-Jähriger schuf Rihm 1977/79 seine auf elf Instrumente, drei Gesangssolisten und sechs Stimmen konzentrierte Auslegung von Georg Büchners Novellenfragment „Lenz“. Als „Chiffre von Verstörung“ bezeichnete er seinen Protagonisten, dessen schizophrenes Psychogramm er in Anklang an Alban Bergs „Wozzeck“ vertonte, changierend zwischen Tonalität und Atonalität, durchzogen von Volksliedzitaten.

Rihms Unmittelbarkeit der Klangsprache mag Frank Castorf für diese Kammeroper eingenommen haben. Nachdem er in Berliner Inszenierungen bereits mit Richard Wagner geliebäugelt hatte, inszenierte Volksbühnen-Chef Castorf nun erstmals eine Oper – mit ungewohnt sachter Geste. Den nackten Bühnenraum durchzieht eine weiße Schlängellinie, die die Welt der Kunst und Musik – das Wiener Klangforum unter Leitung von Stefan Asbury – von der Wirklichkeit trennt: den jenseits der Linie positionierten Müllcontainern. Gefüllt mit Erdnüssen, Holzkreuzen und „Menschenmaterial“ symbolisieren sie die aus dem Bewusstsein gelöschte Dritte Welt ebenso wie das Scheitern des Christentums.

Als Anführer eines Narrenzugs erscheint Lenz mit jenen sechs inneren, personifizierten Stimmen im Schlepptau, die ihn in den Wahn und mehrfach gescheiterten Selbstmord treiben. In einer übergroßen, blauen Uniform gibt Georg Nigl den Dichter als surreale Kinderhandpuppe (Kostüme: Jana Findeklee und Joki Thewes). Ein verzweifelter, tierhafter Schrei lässt den bitteren Ernst hinter diesem Grand Guignol erkennen.

Anders als bei seinen jüngsten Theaterinszenierungen überspannt Castorf den Bogen nicht, sondern folgt der Musik mit erstaunlicher Behutsamkeit. Denn „Jakob Lenz“ ist nicht bloß ein hochexpressiv aufgeladenes Stück – vor allem nicht in der Interpretation des vorzüglichen Klangforums. Vielmehr bestimmen auch intime Momente die seelische Innenschau, die Georg Nigl mit hohem gestalterischen Einsatz vermittelt. Diesen leisen Klagen verleiht auch Castorf wohltuend zurückhaltende Bilder. Auf dem Boden kauernd, schwer atmend, in eine Zwangsjacke gebunden, verhallt die Not des wahnsinnig gewordenen Dichters als stummer Schrei. Seine mitleidlosen Antagonisten umringen ihn wie ein gefangenes Tier.

Dieser surreale Verfallsprozess hätte den innersten Kern von Rihms Kammeroper atmosphärisch sinnfällig gemacht. Doch Castorf beschränkt sich darauf leider nicht. Er bricht den musikalischen Atem durch zwei theatralische Büchner-Lehrstunden der Schauspieler Winnie Böwe und Georg Friedrich: Texte aus der Novelle „Lenz“ und das „Märchen der Großmutter“ aus „Woyzeck“, die nur dröge verdoppeln, was musikalisch ohnedies gesagt wird. So bringt sich Castorf um die Früchte seiner eigenen Arbeit – und so bleibt die Leidenschaft des Lenz paradoxerweise blasser als die künstlich aufgeheizte Euphorie des Fußballfelds.

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