Oper : Spuk im Kopf - Dvoraks "Rusalka" an der Brüsseler Oper

Psychogymnastik: Stefan Herheim inszeniert Dvoraks „Rusalka“ an der Brüsseler Oper.

Jörg Königsdorf

Es braucht nicht viel, um die Geschichte der Rusalka zu erzählen. Einen silbernen Pappmond, ein paar Quadratmeter Kunstrasen und eine gemalte Schlosskulisse – und schon ist man mittendrin in Dvoraks Nixenoper, mittendrin in einer Welt, in der über alle Banalitäten des Alltags der Schleier des Märchenhaften gebreitet ist. Denn die 1902 uraufgeführte „Rusalka“ gehört zu jenen traurigen Geschichten, die man nur erträgt, wenn die Menschen, um die es geht, in die Gewänder von Prinzen und Feen, von Geistern und Hexen schlüpfen. Und so wie auch heute noch jedes Mädchen seinen Traumprinzen hat und es genauso viele alte Hexen gibt wie vor hundert Jahren, so verleiht gerade das Märchenhafte der Geschichte von der unglücklichen Nixe und dem wankelmütigen Prinzen ihre bewegende Kraft über alle zeitverhafteten Sozialdramen hinweg.

In Stefan Herheims Version der „Rusalka“ an Brüssels La Monnaie ist allerdings von märchenhaftem Zauber wenig zu spüren. Der norwegische Regiestar, der zuletzt mit seinem Bayreuther „Parsifal“ für Furore sorgte und im April an der Berliner Staatsoper den „Lohengrin“ inszenieren wird, erzählt stattdessen eine andere Geschichte, die zwar genauso traurig, aber weniger berührend ist. Das Reich der Fantasie wird zum Unter bewussten psychopathologisiert, und alle die Nymphen, Hexen und bösen Fürstinnen, die das weibliche Personal der Oper bilden, werden von Herheim als Ausprägungen männlicher – und mithin sexueller – Wahnvorstellungen diagnostiziert. Am Ende hat sich der ganze Spuk nur im Kopf des Wassermannes abgespielt, der in der Oper Rusalkas väter licher Freund, in Brüssel jedoch nur ein Pantoffelheld ist: Der Biedermann im Schlafanzug spintisiert sich in die Rolle eines Prinzen und die Bordsteinschwalbe von nebenan in die Rolle der Nixe Rusalka (mit kaltem Furor: Olga Gurjakowa) hinein – und murkst am Ende seine zeternde Gattin ab. Sigmund Freud statt Hans Christian Andersen.

Das wird natürlich, wie immer bei Herheim, mit überbordendem Einfallsreichtum und Riesenspektakel in Szene gesetzt: Ganze Heerscharen von Nonnen, Nutten und Passanten bevölkern die Bühne, und die Straßenecke, die Heike Seele auf die Bühne von Brüssels Opernhaus gewuchtet hat, bietet so viele Gimmicks, dass jede Geisterbahn dagegen ärmlich wirkt: Mir nichts, dir nichts verwandelt sich der Metroeingang zum schicken Blumenladen der Hexe Jezibaba (Doris Soffel, zum Fürchten dämonisch). Hier klappt die Wand des Spießerschlafzimmers von Familie Wassermann auf, dort dreht sich plötzlich das Rosettenfenster der Kirche wie ein Roulettekreuz. Und was nächtens noch ein Sexshop mit wild tanzenden Plastikpuppen im Schaufenster war, wird am Morgen zum artigen Brautkleiderladen.

Und doch will der Budenzauber, anders als in Herheims Wagner- und Mozart-Inszenierungen, nicht verfangen: Weil die Geschichte von der kleinen tschechischen Wassernixe eben allzu klar ist und es hier nicht um die Erklärung der Welt, sondern nur um elementare, direkte Gefühle geht. Weil hier nur die Liebe zählt, nicht aber die tief schürfenden Betrachtungen über die Kunstform Oper und ihr historisch-philosophisches Umfeld, die Herheim sonst auf so lebendige Art zu theatralisieren versteht. Doch der Gescheite tut sich gerade mit dem Einfachen schwer, gibt um seiner verkopften Konzeption willen das unglückliche Liebespaar preis, ersetzt die direkte Konfrontation der Figuren durch verkrampfte Psychogymnastik: Klar, dass für den verrückten Herrn Wassermann alle Frauen irgendwann austauschbar werden und auch das Publikum eine Spiegelwand vorgehalten bekommt. Erstaunlich platt ist das und bedient sich im Gegensatz zu bisherigen Herheim-Produktionen reichlich bei den Standard mitteln des Regietheaters. Als sei ihm jedes Mittel recht, um sich nicht zu echten Gefühlen bekennen zu müssen.

Denn von denen spricht ja die Musik: Die Welt der Naturwesen ist bei Dvorak von einer liedhaften Melodik geprägt. Opernhaft gerieren sich nur die Schranzen am prinzlichen Hof, denen Rusalka sprachlos gegenübersteht. Und selbst der Prinz (Staatsoperntenor Burkhard Fritz), der Rusalka zugunsten einer fremden Fürstin fallen lässt, kehrt am Ende mit sterbensschönen Reuetönen zum Liebestod in die Arme seiner Nixe zurück.

Dass Adam Fischer am Pult es mit den Wassergeistern hält und vor allem die lyrischen Facetten betont, ist insofern sympathisch. Das Abschleifen der Ecken und Kanten hilft jedoch nicht dem Stück: Wenn Dvorak in der Polonaise des zweiten Akts schmetternd die Äußerlichkeit der großen Oper vorführt, hätte das mehr Biss vertragen, und der Trauermarsch, der dem Schlussduett zugrunde liegt, ist kaum zu hören. Dabei wissen schon Kinder, dass Märchen manchmal grausamer sind als das Leben.

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