Oper : Unterm Tarnhelm

Vor der „Siegfried“-Premiere an der Staatsoper: Eine Begegnung mit dem flämischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui.

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Zehn Hände legen sich um den Kopf von Sidi Larbi Cherkaoui und bilden einen Helm mit kleinen Hörnern. Dann beginnt eine wundersame Verwandlung: Die fünf Tänzer, die vor dem Choreografen knien oder hinter ihm stehen, breiten ihre Arme aus, so dass der Behütete wie eine vielarmige indische Gottheit anmutet. Dann greifen die Tänzer zum Schwert und kreuzen die Klingen, so dass sie Symbole bilden, ein Pentagramm etwa. Einmal sehen sie aus wie ein eiserner Strahlenkranz und verweisen auf die besondere Macht des Helden.

Der flämische Choreograf probt gerade an der Berliner Staatsoper mit fünf Tänzern an einer Szene für „Siegfried“, den dritten Teil von Guy Cassiers’ „Ring“-Inszenierung – und schlüpft kurz mal in die Rolle des germanischen Superhelden. Die Idee ist genial: Tänzer sollen den Tarnhelm darstellen – so wünschte es sich Regisseur Guy Cassiers. „Der Tarnhelm beschützt Siegfried, doch der denkt, er braucht ihn nicht“, erklärt Cherkaoui, der sich gut in den jugendlichen Draufgänger hineindenken kann. Die Symbole halten den heimtückischen Mimen auf Abstand. Die Tänzer verdeutlichen aber auch die Macht der Transformation, die der Tarnhelm besitzt. Eine suggestive Szene, die Bewegung bringt in die sehr lange und statische Oper.

Eine Tarnhelm-Choreografie gab es schon einmal im „Rheingold“, als Alberich sich des Zaubers bemächtigte. „Auf die Szene bin ich richtig stolz“, sagt Cherkaoui. Die Tänzer verkörperten in „Rheingold“ zudem die Energie der Götter, folgten ihnen wie Schatten – und sie symbolisierten auch das Wasser.

Dass die Tänzer den energetischen Aspekt einer Figur darstellen, ist ein Ansatz, den Cherkaoui erstmals in seiner Produktion „Myth“ von 2007 ausprobierte. Guy Cassiers, der Cherkaoui 2005 als „choreografer in residence“ ans Toneelhuis in Antwerpen geholt hatte, mochte das Stück sehr. Nach vier Jahren ließ der Toneelhuis-Chef das choreografische Wunderkind dann nicht einfach ziehen, sondern entlockte ihm das Versprechen, bei dem großen „Ring“-Projekt der Berliner Staatsoper und der Mailänder Scala mitzumachen. „Als Guy mich fragte, war ich zuerst ein wenig erschrocken“, sagt Cherkaoui lächelnd. „Denn mit Wagner hatte ich bis dahin nicht viel am Hut.“

Cassiers hatte die Vision, dass es Bewegung geben sollte im „Ring“ – eine zeitgemäße Annäherung an Wagner. Auch Regisseur Andreas Kriegenburg setzte stark auf Körper in seiner Münchner „Siegfried“-Inszenierung. Dass der 36-jährige Cherkaoui nun für den Berliner „Ring“ gewonnen werden konnte, ist ein Coup.

„Guy Cassiers verwendet immer viel Video, seine Arbeit ist sehr technologisch. Es war also eine Herausforderung für mich, meinen Platz in der Inszenierung zu finden“, sagt Cherkaoui. Natürlich hat er nicht die künstlerische Freiheit wie bei seinen eigenen Projekten. Er muss dem Ganzen dienen. „Mein Beitrag ist bescheiden, doch ich lerne sehr viel.“

Sidi Larbi Cherkaoui, der Sohn eines marokkanischen Vaters und einer flämischen Mutter, ist ein souveräner Grenzgänger zwischen den Kulturen und Stilen. In seinen Tanzproduktionen, die von einer überbordenen Fantasie sind, arbeitet er gern mit Live-Musikern zusammen. Ein Faible hat er für traditionelle Musik. Wagners Epos war für ihn Neuland.

„Das war für mich anfangs schon exotisch. Ich bin ja nicht mit Oper aufgewachsen“, gibt er zu. „Aber je mehr ich Wagners Werk studiert habe, desto mehr konnte ich die Arbeit genießen. Der ,Ring’ ist wie ein großes Puzzle.“ Die Figuren seien ihm aber vertraut gewesen. Als Kind hat er sich in Mythen vertieft – auch die aus dem Norden. Dass bei Wagner alle Charaktere eine dunkle Seite haben, findet er spannend. Wie auch den Vaterkonflikt. Und natürlich hat er längst eine eigene Lesart entwickelt.

Bei der Bühnenprobe verschwinden die Tänzer dann unter einem großen Tuch mit Camouflage-Optik. Es ist die Probe einer weiteren Schlüsselszene: Siegfrieds Kampf mit dem Drachen. Man fühlt sich an chinesische Drachentänze erinnert, nur dass man den Lindwurm nicht eindeutig identifizieren kann. Cherkaoui hat die Szene mit dem Siegfried-Darsteller Lance Ryan entwickelt. „Wir mussten ausprobieren, wie weit wir gehen können, denn der Sänger braucht Augenkontakt mit dem Dirigenten und er muss genug Atem haben für seine Partie. Am Ende ist eine Szene herausgekommen, die ein bisschen wie Kabuki ist“, meint Cherkaoui lachend.

Der Drache ist eine Täuschung – das macht die Szene deutlich. „Siegfried lernt, sich seine Zukunft zu erschaffen, indem er entweder Illusionen zerstört oder sich aus früheren Bezügen löst.“

Ein glühender Wagner-Verehrer ist Cherkaoui durch die Arbeit am „Ring“ aber nicht geworden. Dessen Musiktheater steht für ihn nicht höher als die Mangas des japanischen Zeichners Osamu Tezuka, dem er ein hinreißendes Stück gewidmet hat. In einer Hinsicht ist Cherkaoui aber ein Anhänger Wagners: Auch ihn beflügelt die Idee des Gesamtkunstwerks. Sandra Luzina

Premiere am 3.10., 18 Uhr

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