Oper : Villa Korrupt

Sex, Trash & keine Liebe: Essen startet seinen "Ring" der vier Regisseure. Für das Entree in die Tetralogie sorgte Tilman Knabe, und man wird sich seines "Rheingolds" sicher noch lange erinnern.

Michael Struck-Schloen

Für Berliner wirkt es wahrscheinlich gespenstisch, dass sich ein Opernhaus der gehobenen, aber finanziell nicht übertrieben gepäppelten Kategorie durch stetig steigende Qualität in die vorderste Stadttheater-Front vorarbeiten kann. Dem Aalto-Musiktheater in Essen ist dies gelungen, das Haus in der künftigen Kulturhauptstadt 2010 darf sich derzeit mit dem Prädikat „Opernhaus des Jahres“ schmücken. Und selten gaben bei der Verleihung künstlerische Gründe so deutlich den Ausschlag.

Das Wunder von Essen ist verbunden mit einem starken Mann, der alte Theatertugenden und das Gespür für aktuellen Handlungsbedarf auf eigensinnige Weise vereint. Stefan Soltesz hat sich seinem Zweispartenbetrieb mit ganzem Einsatz verschrieben: Als Intendant und Musikchef, der im auratischen, von Alvar Aalto geplanten Opernbau 80 Vorstellungen pro Spielzeit dirigiert. In seiner Doppelfunktion kümmert sich der Ungar auch um die kleinen Belange des Theaterlebens. Doch was mancher Mitarbeiter als Autoritäts- und Kontrollwahn wahrnimmt, ist ein Glück für die Kunst. In keinem Haus der weiten Umgebung spielt ein Orchester auf derart hohem Niveau, dürfen sperrige Regisseure wie Stefan Herheim oder Barrie Kosky ihre Konzepte trotz Publikumsprotest so kontinuierlich weiterentwickeln wie hier.

Elf Jahre nach seinem Amtsantritt hat Stefan Soltesz jetzt Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ angesetzt, der für jedes Haus Belastungsprobe und Ruhmestat zugleich ist. Weil er aber ein eingefleischter Praktiker ist und die Tücken der szenischen Berechenbarkeit in Wagners Fortsetzungsgeschichte kennt, hat Soltesz die vier Teile des „Rings“ nach Stuttgarter Vorbild an vier Regisseure vergeben – darunter Dietrich Hilsdorf, Anselm Weber und Barrie Kosky. Für das Entree in die Tetralogie sorgte jetzt Tilman Knabe, und man wird sich seines „Rheingolds“ in Essen sicher noch lange erinnern. Knabe ist ein Mann der direkten Aktion, der Opernregie nicht als diskrete Bebilderung zum gepflegten Hörgenuss versteht, sondern als theatralische Vergegenwärtigung des Mythos ganz im Sinne Heiner Müllers.

Die Grundpfeiler dieser „Rheingold“-Deutung werden schon in den ersten Minuten deutlich: Sex, Lieblosigkeit und soziale Ungerechtigkeit setzen sich zum Vorspiel ohne mystisches Weltwerdewabern in Gang. Wotan besorgt es den Rheintöchtern (während Fricka seine leichtfertigen Verträge studiert), Donner besorgt es Froh, die Rheintöchter besorgen es Alberich, der ihren sadomasochistischen Methoden aber nichts abgewinnt und die Liebe verflucht. Nach diesem recht penetranten Start, der die ersten Zuhörer aus dem Opernhaus treibt, entwickelt Tilman Knabe ein furioses Spiel, das Trash-Ästhetik und globalen Machtdisput, Klischees und geniale Einfälle auf schwindelerregende Weise verwirbelt.

Der Bühnenbildner Alfred Peter hat alle Schauplätze dieses „Vorabends“ zur Tetralogie neben- und übereinander gestapelt, so dass man für einen Szenenwechsel nur ins nächste Bild hüpfen oder klettern muss. Die vergammelte Holzverkleidung im Göttersalon (eine Anspielung auf die Essener Krupp-Villa) macht Wotans Wunsch nach neuer Behausung verständlich; Alberich hat sich derweil in Nibelheim ein Imperium für die Verwertung von Lumpen aufgebaut, die Gänge und Treppen verstopfen; die Rheintöchter lümmeln im Bordell; die Riesen hausen in einer Art Bauwagen. Diese Welt ist ebenso unentrinnbar wie unser globales System: Profitdenken, sexuelle Erniedrigung, Lügen und Gewalt finden auf jeder Ebene statt, durchdringen alle Ritzen der Gesellschaft. Und wenn Loge, der Bürokrat im Trenchcoat, am Ende eine Sprengladung mit Fernzünder vor dieses Panoptikum stellt, will niemand mehr einen Pfifferling für den Erhalt dieses wurmstichigen Universums geben.

Stefan Soltesz hat für das eher kammerspielartig konzipierte „Rheingold“ vorwiegend Rollendebütanten verpflichtet – mit durchwachsenem Ergebnis. Mulmiger hat man die Partie des Wotan seltener gehört als aus dem Munde von Almas Svilpa, und Rainer Maria Röhr bleibt dem lyrischen Tenorschmelz des Loge viel schuldig. Immerhin geben Jochen Schmeckenbechers Alberich und die Erda von Ljubov Sokolová Empfehlungen für die Fortsetzung des Bühnenfestspiels ab. Und natürlich die Essener Philharmoniker, die nie als kompakter Klangkörper in Erscheinung treten, sondern feine luftige Linien zeichnen, das Bühnengeschehen gespannt antreiben, begleiten oder kontrapunktieren. So liefert Soltesz den klingenden Beweis, dass Wagners „Rheingold“ eben nicht (nur) nach Bayreuth, sondern vor allem auch ins deutsche Stadttheater gehört.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben