Kultur : Oper: Vor uns die Sintflut

Christine Lemke-Matwey

Wen hätte vor diesem Abend, diesem Stück, dieser Aufführung nicht die nackte Angst gepackt. Angst vor der eklatanten Ohnmacht der Kunst; Angst, schlimmer noch, vor der Macht der Musik; Angst vor richtigem wie falschem Pathos, Angst vor Larmoyanz, vor noch mehr Betroffenheit; Angst auch vor dem eigenen, rohen Funktionieren und davor, alles, restlos alles, Welt, Leben, Liebe, Tod und Traum - und das Theater! - fortan, politisch korrekt, in zwei hässlichen Hälften denken zu müssen: als ein glückseliges, jedoch auch sträflich stumpfes, sattes, tumbes Davor und ein unseliges, niedergeschlagenes, nervöses Danach; und die Angst, plötzlich einer verderbten Zeitrechnung anzugehören und lauter alten Verabredungen und Werten die Treue zu halten, wo doch allüberall, angeblich, gar nichts mehr gilt und nichts mehr ist, wie es war. Weiter an die Kraft des Musiktheaters zu glauben, hieße, mit einem schütteren "Trotzdem" auf den Lippen hier und heute aus der Zeit zu fallen.

Udo Zimmermanns Einstand an der Berliner Bismarckstraße mit Luigi Nonos "Intolleranza" kann nicht anders als klug geheißen werden: klug, umsichtig und bemerkenswert zeitfühlig. Eine Ahnung, ein Kassandraruf. Vor etlichen Jahren ins Auge gefasst und disponiert (wie das in der Oper so üblich ist), zahlte sich der Mut zur Moderne nun unverhofft rasch aus - und unverhofft grausam. Denn kaum ein anderes Stück des Repertoires wäre wohl imstande gewesen, sich der akuten Irritation unserer Weltwahrnehmung so selbstlos und fürsorglich, so unbedingt heißherzig anzunehmen; kaum ein anderes Stück verfügte über die nötige soziale Schärfe und Durchlässigkeit für das, was dieser Tage alle Menschen, vom trauernden Hochofen-Kumpel bis zum Außenminister, schlicht und ergriffen das "Unfassbare" nennen. Es ist, als hätte Luigi Nono 1960, im Ringen um das "Neuland" Oper und darin, wie er selber sagte, einer "unvorhergesehenen göttlichen Inspiration" auf der Spur, eine Partitur geschaffen, eine hoch komplexe, hoch erregbare szenische Handlung, die am Ende selbst an die Stelle des ersehnten Menschen und Bruders tritt, um, unerhört genug, ganz einfältig, ganz naiv "dem Menschen ein Helfer" zu sein. Die Texte dazu: von Eluard und Majakowski, von Sartre, Henri Alleg und dem böhmischen Märtyrer Julius Fucik.

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Als Coro finale setzt Nono die letzte Strophe des berühmten Brecht-Gedichtes "An die Nachgeborenen" in Noten: ein sich in kathedralische Klangräume und extreme Sopranhöhen verflüchtigendes, verzerrendes, zart polyphones A-cappella-Stück. Einzelne Töne, Intervalle, Silben wie auf Mikado-Stäbe gespießt. Hier - und wahrlich nicht erst hier! - präsentiert sich der Chor der Deutschen Oper (Einstudierung: Ulrich Paetzholdt) in innig gefasster Balance. Vergessen alle Unsicherheiten des Beginns, vergeben auch und vor allem jener typische Mangel an instrumentaler Kühle, an Unbestechlichkeit in Intonation und Deklamation, jenes allzu heftige vokale Psychologisieren, das, mutmaßlich, auf eine nicht ausreichende Probenzeit schließen lässt. Das Orchester hatte es da leichter, scheinbar: Die großen Tutti brodelten, als hätte man sich sein ganzes Grabenleben lang nach Zwölftonmusik und Reihentechnik verzehrt, das monströs besetzte Schlagzeug feuerte ganze Büschel nerviger Salven in den Saal. Am eindrücklichsten, bewegendsten jedoch: die Stille in dieser Musik, die belcantistische Emphase, mit der Nono inmitten des Lärms gegen allen Lärm anzusingen vermag. Melismen, die sich wie gläserne Spinnenfäden ums Herz wickeln; Splitter, Bruchstücke eines perforierten (Geschichts-)Bewusstseins, die bisweilen böse unter die Haut gehen.

Peter Rundel am Pult ist der Sache ein hellwacher, wendiger, stets um größtmögliche Transparenz bemühter Gewährsmann. Doch halt: Worüber reden wir hier eigentlich? Übers Kunstmachen? Über Theater? Über Musikkritik? Die erste Szene des zweiten Teils trägt eine just in diesem Zusammenhang vielsagende Überschrift: "Einige Absurditäten des heutigen Lebens" ...

Am Tag, als sich in New York, Washington und Pittsburgh die verheerenden Untaten ereigneten, liefen an der Deutschen Oper die Endproben zu "Intolleranza". Kaum Zeit, noch wirksam ins Konzept der Aufführung einzugreifen. Peter Konwitschny, der Regisseur, tut, was er tun muss, tut es trotzdem. Jene "Absurditäten", unter denen Nonos wenig geliebter Material-Librettist Angelo Maria Ripellino 1960 einen grotesken, verbalen Schlagabtausch verstanden wissen wollte, die Vision eines postkapitalistischen Babel zwischen künstlicher Befruchtung und drittem Weltkrieg, sie finden sich ausradiert. Machen Platz für ein gespenstisches Schweigen: Ein Ansager tritt auf (Matthias Komm), beginnt - stumm! - zu sprechen, zu gestikulieren, mit Karteikarten zu fuchteln. Dazu läuft, auf dem untersten der drei digitalen Schriftbänder, die Hans-Joachim Schliekers Bühnenraum kreuzen und zumeist Alfred Anderschs deutsche Übersetzung der Texte wiedergeben, die exakte Chronologie der Terrorangriffe. Ein Stenogramm des Grauens, rot auf schwarz, einsilbig, kalt, minutiös. Der Atem im Zuschauerraum geht schwer. Der Appell zur Aufrichtigkeit sitzt. Ist uns der Overkill in den Medien nicht längst suspekt? Erzeugt das wieder und wieder durch den Reflexionswolf gedrehte Expertenprognosen-"Gesäusel" etwas anderes als Gleichgültigkeit?

Schliekers Bühne zitiert Berlin, beschreibt einen Tatort im Hier und Jetzt auch der Opern-Realität: Das Zickzackmuster roter Metallträger erinnert an die Infobox am Potsdamer Platz (und setzt sich, überflüssigerweise, draußen, an der Fassade des Opernhauses, weiter fort), steinerne Stelen verweisen aufs hauptstädtische Gedenken, auf die Opfer jedes sinnlosen Werdens im Vergehen. In der Mitte des Raumes aber steht ein großes Bett: Grab, Traumstatt und letzte Zuflucht des zivilisierten Menschen vor den Nachtmahren eben dieser Zivilisation. Von hier aus bricht Nonos Protagonist, ein namenloser Gastarbeiter (un emigrante), zur Reise auf, zurück in die Heimat, von einer Frau zur anderen, durchs Feuer historisch verbriefter Demonstrationen. Und hierher kehrt er zurück, nach Gefangenschaft, Folter, Angst und Verderben.

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Chris Merritt, der Amerikaner, gibt diesen Geschundenen, als hinge sein persönliches Künstlerleben am "Haken der Not": mit kapaunhafter Entgrenzung im verhext virtuosen Gesang, mit einer glühenden Hingabe, einer Präzision im Spiel, die bange macht. Den Mund oft klagend zum "O" geweitet, ratlos mit den fleischigen Armen durch die Lüfte rudernd, eine Figur zwischen pusseligem Spießerchen und verwegenem Glücksritter. Im KZ der sechsten Szene, nachdem Schergen vorne an der Rampe einen Leichenberg errichtet haben, tanzt dieser Gastarbeiter zusammen mit einem Gefolterten (Peter Klaveness) und einem Algerier (Tom Erik Lie) einen schaurig-schönen Totentanz: Ausgelassen fliegen die mageren Beine durch den Raum, fröhlich winken ein Paar abgehackte Hände. Ein utopisches Triptychon? In tiefster Not, so Konwitschny, findet der Mensch wieder zum Menschen - und zur Musik. In tiefster Not erwacht er zu neuem Leben. Wenigstens in der Oper, im schmerzlichen Gegenlicht der Scheinwerfer.

Überhaupt dürfen wir Luigi Nono, den von Konservativen wie Avantgardisten gleichermaßen gern geschmähten Bekenner, nicht unterschätzen. "Intolleranza" formuliert weder ein ästhetisches noch ein politisches Manifest - bei aller dramaturgischen Funktionalität, aller strengen Verhaftung im Zeitgeschehen und den komplizierten Verfahrensweisen seriellen Komponierens gewissermaßen zum Trotz. Das Stück bleibt sinnlich, bleibt azione scenica, Oper im ernsten Sinn - und letztlich "nach hinten offen". Auf Nonos "Laterna magica"-Allusionen, seine experimentellen Vorstellungen eines multimedialen Bühnenraums, ist die Welt heute so wenig angewiesen wie auf Bernd Alois Zimmermanns Idee einer "Kugelgestalt der Zeit" in dessen "Soldaten". Das ist es, was Peter Konwitschny uns lehrt. Wenn sich die beiden atemberaubend agierenden Frauen (Yvonne Wiedstruck als laszive Megäre, Melanie Walz, elfenhaft, als Stimme der Hoffnung) um den Emigrante in eine mörderische Kissenschlacht stürzen und nur durch ein kleines blondbezopftes Mädchen noch zur Räson zu bringen sind, welches sie "entwaffnet" und in ihrer Aggressivität der Lächerlichkeit preisgibt. Oder wenn zwei Menschen - "gleich elektrischen Drähten vibrieren die Adern unseres Lebens" - einfach nur miteinander leiden, sich winden, stöhnen, heulen, klagen. So und nicht anders ereignet sich das "Unfassbare": ganz intim und im Geheimen, jenseits aller spektakulären Trümmerburgen.

Was dann kommt, ist die Sintflut. Mit leichenblassen Fingerspitzen winken der Gastarbeiter und seine Gefährtin aus einem immer schmaler werdenden Schlitz. Rabenschwarz schlagen die Wogen über ihnen zusammen: "Hier muss man bleiben, hier alles ändern." Seit dem 11. September weiß die so genannte zivilisierte Welt das Ausmaß solchen Glücks im Unglück neu zu schätzen.

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