Oper : Wilder Wind

Die Zukunft der Oper? Thomas Adès’ „The Tempest“ in Frankfurt.

Claus Ambrosius

Wer im Fernsehen das Finale der Suche nach der beliebtesten Oper aller Zeiten gesehen hat, wird zustimmen: Mit diesem Genre muss etwas passieren. Schnell! Alte Repertoireschinken, in Videoclips auf chic gebürstet – so bekommt man die Selbstläufer auch nicht flotter, über neuere Werke abseits des Stadttheaterkerngeschäfts wurde ohnehin nicht verhandelt. Da konnte zeitgleich die Oper Frankfurt frech den Finger heben, denn hier gehört die Suche nach Gegenwart und Zukunft des Musiktheaters unter Bernd Loebe zum Spielplan: diesmal mit „The Tempest“ von Thomas Adès. Der britische Komponist ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Klassikmarkt seine Wunderkinder aufzufressen droht. Bei der Uraufführung der Oper 2004 am Londoner Covent Garden galt Adès (Jahrgang 1971) schon seit über einem Jahrzehnt als große Hoffnung. Ist er der neue Orpheus britannicus? Der Nachfolger Benjamin Brittens?

Bei aller Begeisterung, sicher kann man sich da nicht sein. Adès schöpft aus dem Füllhorn der Musikgeschichte, zitiert mal verborgen, mal offensiv von Puccini über Wagner bis Korngold. Das ist für ein größeres Auditorium bekömmlicher als viele Opern, die derzeit für meist einmalige Produktionen das Licht der Welt erblicken. Doch den eigenen Stil des Komponisten kann man aus „The Tempest“ nicht ableiten, wenn auch seine Begabung verblüfft.

Seit 2004 ist die Oper an vier Häusern gezeigt worden: Nach London, Straßburg, Kopenhagen und Santa Fé fühlt nun Frankfurt dem Werk auf den Zahn. Musikalisch ist sie bei Johannes Debus am Pult in sehr umsichtigen Händen, der schon die stürmische Ouvertüre durchgestaltet hat und nahe bei den Sängern bleibt. Und als gelte es, die Theatertauglichkeit zu garantieren, ist mit Keith Warner ein Regisseur angesetzt, der gar nicht anders kann, als zu unterhalten. Doch das Ergebnis ist zweischneidig: Warner folgt wie ein Vielfachverstärker der Musik. Die wüste Insel des Prospero (ein drehwilliger offener Kubus von Boris Kudlicka) wird überflutet von Chargen der Theatergeschichte – Zitate aus dem Fundus auch in den Kostümen von Jorge Jara. Hula-Insulaner-Moden für das Paar Miranda/Ferdinand, ein Monostatos-Outfit für Caliban und Luftgeist Ariel kommt als Chefsekretärin mit Bleistiften in der Perücke daher. Das ist bunt und spritzig. Aber einen roten Faden findet der Abend auf der Bühne nicht.

Selbst wenn das Programmheft gute Gründe für das Verknitteln des Shakespeare-Dramas zu Klein-Klein-Reimen nennt, tut es mitunter weh, wenn man das hochpoetische Original zumindest in den Schlüsselszenen im Kopf hat. Und dennoch schlägt sich die Frankfurter Mannschaft hervorragend, auch mit dem nicht gerade einfachen Notentext. Den größten Applaus kassiert Koloratursopranistin Cyndia Sieden als Ariel. Adès hat ihr schwindelerregend hohe Passagen in die Kehle komponiert. Ihre getragene Arie mit irrwitzigen Höhenflügen im ersten Akt ist jedenfalls (neben dem großen Quintett im Finalakt) der musikalische Höhepunkt des Abends.

Adrian Eröd hat derzeit einen Lauf mit Schreibmaschinen. In Bayreuth sah er sich als neuer Beckmesser einem tippenden Sachs gegenüber, jetzt geht er als Prospero selbst ans Werk, klappert als Shakespeare-Alter-Ego auf einer mechanischen Maschine die Entwürfe seines letzten Werkes zurecht. Stimmlich ist der junge Bariton für die Partei recht hoch aufgehängt, was ihm im hochpathetischen Schlussakt zugutekommt. Unangefochten gibt Tenor Peter Marsh mit dem Caliban stimmlich die schlüssigste Interpretation neben dem lyrischen Liebespaar Claudia Mahnke und Carsten Süß (Miranda/Ferdinand), die ihre Liebeskantilenen nach Kräften auskosten.

So kann nach dem heftigen, kompakten Schlussapplaus der ausverkauften Premiere weiterdiskutiert werden: Geht es in Sachen Oper hier entlang? Nun ist Thomas Adès nicht Dan Brown, und Kompositionsaufträge fallen nicht vom Himmel wie Verlagsvorschüsse für Bestsellerautoren. Spannend wäre ein Weitergehen in diese Richtung allemal.

Wieder am 17., 23., 29. 1. und am 6. 2.

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