Oper Zürich : Ein Fall für Donna Leon

Oper Zürich: Cecilia Bartoli jubiliert als Cleopatra und treibt Händels „Giulio Cesare“ in die Enge

Ulrich Amling

Ihr grauer Haarschopf leuchtet aus dem Halbdunkel, der Kopf sucht den Schatten einer Säule, die Augen blitzen hinter Brillengläsern. Donna Leon ist da. Die amerikanische Krimiautorin, die ihr Leben um die Premieren von Händel-Opern in aller Welt gruppiert, sitzt in einer Loge des Opernhauses von Zürich. Dort kann man immer wieder sängerische Traumkonstellationen am Opernhimmel aufziehen sehen. Wer einen Blick in den Spielplan wirft, wird ob glänzender Rollenbesetzungen und reizvollen Debüts aus dem Staunen so schnell nicht wieder heraus- kommen. Das schätzt Donna Leon, die Sänger verehrt, besonders tiefe Frauenstimmen in den Opern von Händel. Regisseure allerdings stehen bei ihr erst einmal unter dem Verdacht krimineller Machenschaften: Womöglich erkennen sie die alleinige Macht der Musik nicht an. Dann kann Donna Leon mörderisch werden. Einen Dirigenten hat sie in ihren Romanen um den venezianischen Commissario Brunetti bereits sterben lassen. Ob Cesare Lievi, der in Zürich „Giulio Cesare in Egitto“ zur Aufführung bringt, zum Vorbild für einen Leon’schen Regisseursmord taugt, werden die kommenden Brunetti-Fälle zeigen.

Zur Barockoper hatte es zunächst vor allem Regisseure gedrängt, die dort auch eine Bereicherung ihrer Musiktheatersprache finden konnten. Doch mit dem Boom kamen auch viele, die einfach alles auf die Bühne stellen. Wie Cesare Lievi. Für ihn ist Händels hochdramatischer Viereinhalbstünder über Cäsars abrupten Aufbruch zur Eroberung der restlichen Welt nichts als eine Reihung von Arien, deren Da-capo-Struktur lediglich Anlass für das sporadische Anwerfen der Bühnenmaschinerie ist. Dann rollen poppige Panzer und Zuckergussraketen von links nach rechts. So unbewältigt, so in ihrem Kern verkannt hat man eine Händel-Oper lange nicht gesehen. Kaum zu glauben, dass dies dieselbe Bühne ist, auf der Claus Guth vor gut einem Jahr mit Händels „Radamisto“ zeigte, wie aufregend eine um die eigene Achse kreisende Arie sein kann, welchen psychologisch raffinierten Krimi der scheinbar endlose Gesang birgt. Packend wie die besten Donna-Leon-Bücher.

Das Zürcher Ensemble brennt dafür umso lichter für seinen Händel. Dirigent Marc Minkowski, der sich gerade auf den Weg durch das Repertoire bis zur Frühromantik macht, hat bereits vor zwei Jahren mit seinen Musicien du Louvre eine fulminante Liveaufnahme des Werkes vorgelegt, ein vokales Fest, perfekt ausbalanciert zwischen Dramatik und Sinnlichkeit. Nun ist er noch einmal zu „Giulio Cesare“ zurückgekehrt, weil ihn die Zürcher Sängerbesetzung faszinierte. Da ist Franco Fagioli, die erst 24-jährige Countertenor-Hoffnung: Er bezwingt seinen ersten Caesar. Und Cecilia Bartoli debütiert als Cleopatra in ihrer ersten wirklichen Händel-Opernrolle: Sie erscheint strahlender denn je.

Beim Versuch, den Komponisten Antonio Salieri zu rehabilitieren, hatte sich Bartoli bisweilen in hochartistischen Dauer-Loopings verfangen. Als Händels Cleopatra jedoch agiert die Römerin schlicht unwiderstehlich. Sie dosiert ihre wundersamen Würzmittel, das Hauchen und Fauchen, sehr zurückhaltend, schickt ihre schwebende mezza voce ganz leicht angesetzt in den Zuschauerraum und zündet das Feuerwerk ihrer pfeilschnellen Koloraturen erst, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Eine Künstlerin, die in schönster, entspanntester Stimmung durch die Galerien ihrer Schwindel erregenden Möglichkeiten streift und sich ihrer so souverän wie sicher bedient.

Bei so viel leuchtendem Leben, lachender Liebe bekommt Cäsars Eroberungszug seine eigene Note. Franco Fagioli besitzt eine zarte, virtuose Stimme, doch das heldische Strahlen liegt ihm (noch) fern. So muss der Imperator in der Oper Zürich unterliegen. In die Enge getrieben wird er gleich doppelt: von der jubilierenden Bartoli und dem zupackenden Marc Minkowski. Am Pult von La Scintilla, dem auf Alte Musik spezialisierten Ensemble des Hauses, erzeugt er eine emotionale Bugwelle, die sich mit kräftigem Bassschwall über die Rampe ergießt. Fagiolis Caesar bekommt so immer wieder nasse Füße, während La Bartoli einfach übers Wasser schreitet, nein, tanzt.

Vergessen das wilde Toben ewiger Rache. Hinter ihrer Säule neigt Donna Leon für einen Moment träumerisch den Kopf.

Informationen: www.opernhaus.ch

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